Nummer 8 – Juni 2013

aufruhr 8


AUFRUHR
Nummer 8, Jahr I

Anarchistisches Blatt
Erscheint jeden Monat
Zürich, Juni 2013


Inhalt:
Die revolutionäre Frage
Der Brand von Uster. Die Geschichte eines Aufstands
Demokratie (Teil 2)
Zitate


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Die revolutionäre Frage

 

Die revolutionäre Frage, im anarchistischen Sinne verstanden, das heisst, die Frage des menschlichen Emanzipationskampfes in Richtung Freiheit, ist im Verlaufe der Geschichte der Menschheit schon immer eine Konstante gewesen. In jedem Zeitalter und in jeder Gesellschaft gab es schon immer Individuen, die, alleine oder mit anderen, gegen die verschiedenen Formen der Unterdrückung und Herrschaft kämpften. Wenn dieser Kampf schon immer eine Konstante in der Geschichte gewesen ist, so waren es jedoch nicht die Formen, die Inhalte und die Bestrebungen, die er annahm. Dies aus dem schlichten Grund, dass die Unterdrückungsformen, die die Herrschaft annahm, obwohl auch sie schon immer eine Konstante gewesen ist, nie dieselben waren.
Die Beispiele können hunderte, wenn nicht tausende sein, und wir werden hier nur einige der bedeutenderen und bekannteren zitieren.
Schon in der Antike, zur Zeit der Römischen Republik, gab es Revolten von Sklaven und Bauern, die sich, trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Bedingungen, auf dem gemeinsamen Terrain des Elends, der Ausbeutung und des Verlangens nach Freiheit zusammenfanden und gegen die römische Republik in Aufstand traten, mit dem Ziel, sie zu zerstören. Diese Revolten nahmen die Form von bewaffneten Insurrektionen an, welche die Existenz selbst der Republik gefährdeten, da die Bestrebungen dieser Individuen mit jenen der römischen Herrschaft unvereinbar waren.
Im Mittelalter nahmen die Freiheitsbestrebungen oft religiöse Formen an. Man sah die ketzerischen Bewegungen und die Rebellionen der Millenaristen im Mittelalter des katholischen Absolutismus, wobei, im Namen eben der Prinzipien der christlichen Religion, die religiöse Macht der Kirche und die feudale Macht der Herren angegriffen wurden, während man die Ländereien entflammte und unabhängige Gemeinschaften kreierte, die auf Prinzipien von Gleichheit und Teilen basierten.
Im Kolonialzeitalter, während dem Sklavenhandel, gab es nicht selten Fälle, in denen sich schwarze Sklaven entschieden, sich mittels bewaffneter Insurrektionen gegen ihre Schinder und gegen die Kolonialmächte aufzulehnen, um der eigenen Ausbeutung ein Ende zu setzen und ihre Freiheit zu erobern.
Auch der Beginn der industriellen Revolution war kein schmerzloser Übergang in der Geschichte des menschlichen „Fortschritts“. In den Ländern, die als „fortgeschrittener“ betrachtet wurden, wie beispielsweise in England, werden die Aufstände gegen die neuen Maschinerien und die Brandstiftung der Industrien durch die ersten Fabrikarbeiter (Ludditen genannt) zu einem verbreiteten Phänomen und zu einer Gefahr für die Entwicklung selbst der Industrie. So sehr, dass die Staaten auf die bewaffneten Kräfte zurückgreifen mussten, um diese Aufstände im Blut zu ersticken. Diese Menschen revoltierten gegen die neue Arbeitsbedingung, die von den Maschinen geschaffen wurde, und gegen den damit zusammenhängenden Autonomieverlust, der während der industriellen Revolution von der Fabrikarbeit und vom Leben in den Metropolen verursacht wurde, während sie die neuen Bedingungen der industriellen Ausbeutung zurückwiesen. Diese Revolte, die auch unsere Breitengrade erreichte, gipfelte in der Schweiz in den Ereignissen von Uster (siehe Artikel „Der Brand von Uster“).
Das Entstehen der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert, ein Entstehen, das, wie wir gerade gesehen haben, eine schmerzhafte Geburt war, und die falsche Zentralität, die ihr von einem Teil der Revolutionäre (besonders von den Marxisten, aber auch von verschiedenen Anarchisten) zugeschrieben wurde, hat die revolutionäre Frage auf radikale Weise verändert. Wenn es vorher um einen Kampf gegen die Gesellschaft der Unterdrückung und für die Freiheit von allen ging, hat sie sich nun für viele fast ausschliesslich in einen Kampf für eine neue Verwaltung der Produktionsmittel von Seiten der Produzierenden selbst verwandelt. Es geht nicht mehr darum, sich eine andere Welt vorzustellen, sondern darum, die Verwaltung der Produktion der bestehenden Welt zu ersetzen, indem man von jener der Bosse zu jener der Produzierenden übergeht. Die russische Revolution in ihren Anfängen und die spanische Revolution sind eine Repräsentation dieser Bestrebungen nach einer Änderung der Verwaltung: die erste durch die Erschaffung der Sovjets, Versammlungen von Arbeitern und Bauern, die die Produktion und den Konsum der Gesellschaft verwalten sollten, die nach der Machtergreifung der Bolschewisten schnell zu Organen der Parteidiktatur degenerierten; und die zweite durch die Kollektivierung von Eigentum und Produktionsmitteln, die von den Anarchisten auf dem Land und in den Städten vorangetragen wurde. Ohne der Wichtigkeit dieser historischen Erfahrungen irgendetwas abzusprechen, sind wir nicht damit einverstanden, die Frage des Kampfes für die Freiheit auf die blosse Frage der Kontrolle der Produktionsmittel zu reduzieren: wenn wir damit einverstanden sind, dass wir nicht in einer Gesellschaft leben wollen, in der die Mittel von den Reichen und Mächtigen verwaltet werden, dann heisst das nicht, dass die Produktionsmittel an sich nicht infrage gestellt werden dürfen. Schliesslich befinden wir uns in einer Gesellschaft, deren Strukturen, deren Produktionsmittel, und, kurz gesagt, deren ganze soziale Organisation das Ergebnis von Jahrhunderten der Unterdrückung und der Herrschaft sind, eine Herrschaft, die man nicht einfach mit einem Schwammstrich wegwischen kann, wenn diese einmal von den Produzierenden kontrolliert werden. In einfachen Worten: diese Produktionsmittel können nicht als neutral, und somit nicht als automatisch der Freiheit der Menschen dienlich betrachtet werden, wenn sie in die Hände der Produzierenden fallen. Die Frage, die wir uns, unserer Meinung nach, stellen müssen, lautet: Was ist möglich, für die Ziele der Emanzipation und der Freiheit der Menschen zu benutzen und aufrechtzuerhalten, und was hingegen kann nur Herrschaftsmechanismen reproduzieren? Unserer Ansicht nach kann, wenn wir in einer freien Gesellschaft leben wollen, wenig oder nichts von dieser Gesellschaft bewahrt werden.
Dieser Widerspruch, der Widerspruch zwischen den Vorschlägen vieler Revolutionäre, die Verwaltung der Gesellschaft zu ändern, und der Realität einer Gesellschaft, die für viele Individuen schlichtwegs untragbar ist, wird heute in den Revolten und Wutexplosionen offensichtlich, die in der post-industriellen Welt immer geläufiger zu werden scheinen. Von den flammenden Wochen der französischen Banlieus zu den Unruhen von London, von den spontanen Revolten in Zürich der vergangenen Jahre zu den Wutexplosionen dieses Sommers in Schweden. Der gemeinsame Faden dieser Revolten ist eine gewisse Irrationalität, die Tatsache, dass sie fast immer von unvorhersehbaren und emotionalen Gründen ausgehen (oft von Morden von Seiten der Polizei), und dass sie, jenseits der Wut und des Angriffs auf einige unterdrückerische Strukturen (was wir immer wertschätzen können), an sich nichts vorzuschlagen und nichts zu fordern haben. Obwohl diese Charakteristiken diese Revolten interessant machen, weil sie von der Macht und ihren Dienern nicht wieder eingegliedert werden können, ist dieser quasi rein negative (im Sinne einer Negierung der heutigen Gesellschaft) und nihilistische Charakter sicher eine der grossen Grenzen dieser Momente, die es schwierig machen, darin einen möglichen qualitativen Sprung in Richtung von etwas potenziell anderem, in Richtung von anderen Horizonten als das Bestehende zu sehen.
Die Negierung der heutigen Gesellschaft ist gewiss ein unumgänglicher Übergang auf dem Weg der Freiheit, eine Negierung, die nur durch die Zerstörung der Welt der Autorität geschehen kann, aber, wenn, wie ein alter anarchistischer Revolutionär sagte, „auch die Zerstörung eine erschaffende Leidenschaft ist“, dann wird es notwendig, dass sich Perspektiven und Horizonte mit ihr vereinen, wonach es zu streben gilt, um darüber hinaus gehen zu können, um die Türen zur neuen Welt der Freiheit aufzustossen. Dies ist, wofür wir Anarchisten kämpfen, und dafür werden wir immer an Seite von jenen stehen, die gegen diese Welt der Unterdrückung revoltieren.

 


 

Der Brand von Uster

Die Geschichte eines Aufstands

 

Geschichte ist eine harte Nuss. Härter noch als die Gegenwart. Es ist nicht nur schwierig, ihr einen Platz und eine Bedeutung in unserem alltäglichen Leben einzuräumen oder so etwas wie Auslöser und Ursache bestimmter Geschehnisse oder bestimmter Ideen und Taten von Menschen zu definieren. Im Gegensatz zum Jetzt kommt noch dazu, dass man oft auf die Informationen und Überlieferungen irgendwelcher mehr oder weniger zuverlässigen Geschichtsschreiber zurückgreifen muss, die nur allzu oft im Dienste der einen oder anderen Autorität stehen. Die Tatsache, dass man in Schulbüchern und klassischen Werken von Historikern wenig bis nichts über Aufstände und Revolten findet, die nicht unter irgendeiner Parteifahne oder Organisation gelebt wurden, kann nichts als eine Bestätigung der heutigen Welt sein, die sämtliche selbstorganisierte und den Konflikt offen angehende Taten entweder als lächerlich oder kriminell verschreit. In diesem Sinne soll auch gesagt sein, dass ich niemals beabsichtige, und auch nicht daran interessiert bin, irgendwelche Geschehnisse der Geschichte oder der Gegenwart zu verherrlichen. Zum einen, weil dies eine passive, konsumierende und unkritische Haltung anpreisen würde, zum anderen, weil ich finde, dass alles, was um uns herum passiert, oder passiert ist, immer nur als eine Inspiration für eigenes Handeln aufgrund individueller Ideen dienen sollte. Womit wir wieder beim Beginn angekommen sind. Und somit bei der Frage nach Auslöser und Ursache gewisser Handlungen, wie man sie in den letzten Jahren, ganz konkret auch bei Aufständen in europäischen und andersweitigen Städten und Vierteln, schon so oft zu hören bekommen hat. Niemand wird dir erzählen können, was genau die Ursache dafür war. Am Wenigsten die Zeitungen und ihre sensationssüchtigen Aasgeier. Rein kollektive Symptome gibt es meiner Meinung nach nicht. Der Aufstand war damals und ist heute noch genauso eine Antwort, ein Mittel, um gegen spezifische Projekte und allgemeine, uns erdrückende, der Selbstbestimmung entraubende Zustände zu rebellieren. Es gilt also, sich umzusehen, mit offenen Augen und bepackt mit den eigenen Ideen, dem eigenen Wissen und den eigenen Erfahrungen, und zu sehen, wo die Wiedererkennung in den Handlungen von anderen Parallelen schlägt und wo nicht.

Und nun lasst uns in der Zeit zurückgehen, bis
irgendwann zu Beginn des 19. Jahrhunderts,
irgendwo in Europa…
…und mitten in eine äusserst unruhige Epoche.

Viele und grosse Veränderungen waren im Anmarsch, man konnte es riechen, fühlen in der Luft und sogar sehen in den Augen der Menschen. Schon vor vielen Jahren hatte man die ersten Gerüchte vernommen. Es wurde über grosse und schnelle, durch Wasserkraft angetriebene Maschinen gesprochen, welche die vergleichsweise langsame und quantitativ weniger ertragreiche Hand- und Heimarbeit ersetzen soll. Und man hörte von Orten, die sie Fabriken nannten, wo all jene Maschinen in Reih und Glied standen und Menschen hingehen mussten, um das Einzige zu verkaufen, woran die Bosse dieser Fabriken interessiert waren: ihre Körper und deren Möglichkeit, Arbeit zu leisten, so viel und so lange, wie man es ihnen befahl. Die Gerüchte blieben nicht ohne Wirkung. Die bürgerliche Klasse, also diejenigen, die am oberen Ende der sozialen Leiter standen oder über Geld und Mittel verfügten, denen aber durch das Fehlen von blauem Blut in den Adern der Zugang zu Regierungsmacht und dadurch auch zu wirklichem Einfluss auf politischer Ebene entsagt wurde, sahen plötzlich neue und rosige Zeiten auf sich zukommen. Durch die Veränderungen auf ökonomischer aber auch gesellschaftlicher Ebene rochen sie die Chance, die damalige Elite und deren Regeln durch sich und ihre eigenen, (wirtschaftlich-)liberalen Ideale auszutauschen.
Am anderen Ende der Leiter war Angst und Wut zu sehen. Jene Leute, die ihr Leben bisher als Bauern oder Heimarbeiter geführt und, so gut oder schlecht, wie es halt ging, für sich selbst gesorgt hatten, betrachteten die aufkommenden Veränderungen, zu Recht, mit Misstrauen. Ihr Zuhause, ihre gewisse Unabhängigkeit, das Umsetzen und Handhaben von eigenen Kenntnissen, kurz, das Leben, das sie sich bis zu jenem Punkt aufgebaut hatten, stand auf dem Spiel. Alles würde man ihnen entreissen, und ihnen statt dessen ein Dasein als Arbeiter, namenlos und wertlos, an einem dunklen und stinkenden Ort auftischen.
Aber, wie schon gesagt, die Zeiten waren unruhig. Und trotz des Elends, der Entbehrung und der blutigen Spur, die das Aufkommen des Kapitalismus durch die Leben von Millionen von Menschen zog, sind sich an eben so vielen Orten der Welt viele unter ihnen ihrer eigenen Kraft und der Möglichkeit, sich zu widersetzen, bewusst geworden. Zerknitterte Flügel entfalteten sich…
Während sich die Industrie in anderen Ländern Europa‘s schon gegen Ende des 18. Jh. einen festen Platz in Land und Leben der verschiedenen Gesellschaften zu erobern begann und gleichzeitig viele Menschen von der Erfahrung der Revolte und des Aufstands dagegen geprägt wurden, vollzog sich das Ganze in der kleinen Schweiz ein bisschen langsamer. Aber verschont blieb sie natürlich nicht davon und schlussendlich wurden auch die Leute hier von der grossen Welle eingeholt. Diese Zeit, das Jahr 1832, um genau zu sein, lieferte den Nährboden für eine der grösseren gekannten Revolten gegen den einmarschierenden Kapitalismus in der Schweiz.
Wir setzen Fuss auf den dazumals noch grünen Hügeln rund um Uster, ein Städtchen ausserhalb von Zürich. In dieser Umgebung lebten viele vom Weben und Verkaufen von Stoffen. Aber diese Region im Osten des Landes war auch reichlich von Flüssen und anderen Gewässern durchzogen, und dadurch ein anziehender Ort für die Fabrikanten. Einer von diesen, das Geschäft der Ausbeutung betreibenden Herren war Corrodi. Er hatte dort am Kanal, unterhalb vom Wald von Uster gelegen, zusammen mit einem anderen Mann namens Pfister eine Weberei-Fabrik gebaut, mit Schmiede und Scheune nebenan. Die Hand- und Heimarbeiter der Umgebung wussten nur zu gut, welche Konsequenzen die Anwesenheit und das Bestehen dieser Männer und ihrer Maschinen auf ihre Leben haben würde. Also entschieden sie sich, zusammenzukommen und eine Lösung für das Problem zu suchen. Inzwischen hatte sich der November bereits ins Land geschlichen. Am 22. des Monats wurde im Zentrum von Uster getanzt und gefeiert. Man gedachte dem Tag zwei Jahre zuvor, als die konservative Regierung (unter der Verwaltung der Stadt Zürich), mit Hilfe des massenhaften Auftretens von Kleinfabrikanten und Heimarbeitern der Umgebung, in einen neuen liberalen Grossrat verwandelt wurde. Teil der Abmachung mit den liberalen Bürgerlichen war, dass die neue Führung im Gegenzug dafür sorgen würde, dass ein Verbot für Webmaschinen ausgesprochen wird. Was natürlich nie passierte, und dazu führte, dass viele, die es bis dahin noch nicht begriffen hatten, spätestens dann etwas wichtiges lernten: nämlich, dass man Politikern nicht vertrauen sollte und vor allem, dass man sie auch nicht nötig hat. Dass man die Dinge besser selber in die Hand nimmt.
So begaben sich an jenem besagten Tag viele bereits früh Morgens durch den Wald zum Kanal, wo die neue Fabrik stand. Sie taten das in Gruppen von 10, 20 Leuten. Die Besitzer hatten anscheinend Wind davon bekommen und standen dort bereits, zusammen mit drei Mitgliedern des Regierungsrates, um die Fabrik zu bewachen. Mehrere Männer riefen ihnen zu, dass die Maschinen ihnen nur Unglück brächten und daher kaputt gemacht werden müssen. Die Politiker versuchten, zu diskutieren, und wiesen sie auf den gesetzlichen Weg der Petition hin. Aber diese aufgebrachten Menschen waren nicht gekommen, um zu diskutieren. „Petitionen? Petitionen sind nutzlos. Wir werden dafür sorgen, dass die Webmaschinen nicht Fuss fassen! Wenn die Regierung nicht helfen will, muss man sich eben selber helfen. Und auch wenn ihr von der Regierung wäret, wir würden euch nichts fragen. Wir sind Meister und die Maschinen müssen weg!“ Die Menge wuchs beständig an. „Das Fest in Uster?“, rief ein Anderer, „Das werden wir nicht stören. Es kümmert uns nicht, was dort vorgeht. Hier ist es, wo Hand angelegt werden muss!“ In diesem Moment kam eine neue kleine Gruppe angelaufen. 6-8 Männer, pfeifend und jauchzend, mit Bündeln von Reis und Stroh über den Schultern, und hinter ihnen noch eine weitere, grössere Gruppe. „Hiermit muss die Fabrik verbrannt werden!“, riefen sie. Es herrschte allgemeine Freude und Ausgelassenheit. Und schon warf jemand aus der Menge einen Stein durch ein Fenster im Hauptgebäude der Fabrik. Einer der Bewacher versuchte, den Täter noch aufzuhalten, aber das Signal war bereits gegeben. Alles, was den Leuten gerade in die Finger kam, wurde als Wurfgeschoss benutzt. Ein älterer Mann viel dadurch auf, dass er mit besonders viel Herzblut und Raserei seine Zerstörungswut herausliess. Als nun Fierz, einer der Politiker, auf ihn einzureden versuchte, darauf hinweisend, dass er damit sich und seinen Haushalt ins Unglück stürze, und dass man von einem Mann in seinem Alter doch Ruhe und Besinnung erwarten sollte, antwortete er: „Ich weiss, was ich hier tue. Ich bin jetzt 51 Jahre alt und habe Frau und Kind, und zerstört und verbrannt muss diese Fabrik sein. Und wenn es nicht passiert, solange ihr hier seid, so muss es doch geschehen. Wir können länger warten als ihr!“ Ein anderer kam mit einem Stück Holz angerannt und drohte dem Politiker damit, ihn niederzuschlagen, falls er die Leute an ihrem Tun zu hindern versuche. Das Einwerfen der Fenster war noch nicht vorbei, als bereits mehrere Leute anfingen, Stroh- und Reisbündel durch die kaputten Scheiben hineinzuschieben und anzuzünden. Und als das mitgebrachte Brennmaterial ausging, holte man sich Nachschub aus der Scheune des Eigentümers. Die Bewacher eilten von der einen Seite zur anderen und versuchten, die endgültige Zerstörung der Fabrik zu verhindern. Aber die Stärke war auf Seiten der Aufständischen. Dieser Moment schien für einige gelegen, um den Herren Politikern und Besitzern einmal gehörig auf die Nase zu klopfen. Wenig später brachen schon die ersten Flammen aus den beiden Seitenfenstern des Gebäudes. Viele waren durch die kaputtgeschlagenen Fenster und Türen ins Innere der Fabrik eingedrungen und beschäftigten sich nun damit, die Maschinen teils zu zerstören und teils in den Fluss zu werfen. Andere brachen in die Schmiedewerkstatt ein, holten sich dort glühende Eisenstangen heraus und verteilten damit das Feuer in allen Teilen der Fabrik. Bald brachen die Flammen an vielen Punkten zugleich heraus. Die Tat war vollbracht.

[Bild: Brandstiftung der industriellen Weberei in Uster, 22. November 1832]


 

Demokratie

(Teil 2)

 

Im ersten Teil dieses Artikels wurde versucht, aufzuzeigen, wieso wir, als Anarchisten, auch wenn man die heutige Demokratie zu Recht dafür anklagen kann, keine „echte“ Demokratie zu sein (wie das viele soziale Bewegungen tun), sie nicht verbessern wollen, sondern die Idee der Demokratie als solche ablehnen. Es wurde aufgezeigt, wie die Demokratie auf Biegen und Brechen eine Einheit, ein „Volk“ produziert, indem sie die Widersprüche neutralisiert, unterdrückt und unter die Oberfläche verschiebt; wie selbst eine „nicht-staatliche“ Form der Demokratie (für viele das Bild einer freien Gesellschaft) zwangsläufig zu Organen führt, die Entscheidungen aufzwängen, die Herrschaft ausüben; und im Allgemeinen, wie die Produktion des braven, akzeptierenden und den Spielregeln folgenden Bürgers die Grundlage jedes demokratischen Systems bildet. In diesem zweiten Teil soll das demokratische Ideal und seine Funktion etwas genauer betrachtet werden.

Perfektionierung des Bestehenden

Schauen wir uns an, was normalerweise dabei herauskommt, wenn angestrebt wird, eine direkte, „echte Demokratie“ zu praktizieren. Beispiele solcher Bestrebungen gibt es genug, der Slogan „wir sind die 99%“ wird wohl einigen hängengeblieben sein und drückt den demokratischen Gedanken der Mehrheit auch bestens aus. Diese imaginierte Mehrheit, die sich darüber empört, das ihnen der Kapitalismus nicht fair genug ist. Sie wollen das System nicht zerstören, ja, sie betonen immer und überall ihre Friedlichkeit; d.h. ihre komplette Angepasstheit an die herrschenden Normen. Das reibungslose Funktionieren des ökonomischen Getriebes wird so keineswegs gefährdet, eben weil sie dieses Getriebe verteidigen, gegen die, die es ihnen übertreiben mit Börsenspekulation und Grössenwahn. Aber nicht nur gegen diese „Machtmissbräuche“, denn sie werden auch immer die „Chaoten“, „Gewalttätigen“, „Krawallmacher“ aufhalten, denunzieren und ausliefern.
Natürlich haben auch diese Demokraten eine Kritik an der heutigen zentralistischen Demokratie. Ja, die Demokraten sind selbst anarchistischer Kritik gegenüber ganz offen eingestellt. Aber sie benutzen alle Kritik zum Erhalt des Bestehenden. Deshalb sind die Demokraten auch tolerant gegenüber wirklich radikalen Ideen. Um sie zu verwässern, damit sie die Radikalen dazu bringen, am grossen Tisch der Demokratie mitzudiskutieren. Alle Veränderung, die diese Demokraten wollen, wollen sie als Evolution dieser Zivilisation. Sie stellen das System, die Gesellschaft, nicht als solches in Frage. Das, was sich entwickelt, ist aber das Problem. Diese Zivilisation, ihre Grundlagen. Während wir ihre komplette Zerstörung wollen, fragen sich die meisten Demokraten, wie sich diese Zivilisation besser entwickeln könnte. Wie sie ihren Herrschaftsanspruch humaner, partizipativer, demokratischer Gestalten kann. Wie diese Zivilisation ohne ihre übelsten Auswüchse wie Atombomben, Nationalstaaten, et cetera auskommen kann, nur um die alltägliche Zerstörung und Ausbeutung der Welt beibehalten zu können. Die Demokratie hat immer ein Bestehendes zur Grundlage, normalerweise das heutige. Es kommt der Bruch nicht vor, weil die Demokraten nicht über das staatliche Denken hinaus kommen. Sie legen immer eine bestehende Gesellschaft fest (zum Beispiel „die 99%“), einen Status quo, den es zu konservieren gilt. Der wird dann demokratisch verwaltet, die Demokratie vermittelt zwischen allen verschiedenen Tendenzen „in ihr“ und das Prozedere der Ab-stimmung (wie auch immer es geschieht) entscheidet, was richtig ist. Also nicht Ich soll entscheiden, mir die verschiedenen Ansichten anhören, und dann danach handeln, wie ich es für richtig halte, sondern „alle“ (zu denen Ich gehören soll, obwohl irgendwie doch niemand „alle“ ist), sollen das (für mich) tun. Nicht nur, dass die Frage nach dem Was völlig ausgeblendet wird, solange das demokratische Prozedere ja nur angewendet wurde. Auch wird meine Eigenständigkeit komplett negiert. Was den radikalsten Demokraten vorzuschweben scheint, ist die weltweite Verbreitung der Untertanenmentalität, aber ohne einen, der über den anderen steht. Untertanen ohne Chef. Anpassung an die Mehrheit. Unterwerfung aller unter alle. Eine komplett kontrollierte Gesellschaft, mit dem Unterschied zur heutigen, dass die Kontrolle nicht von spezialisierten Organen ausgeführt wird, sondern… wie auch immer. Wir haben keine Ahnung, ob so eine Entwicklung überhaupt möglich wäre. Die demokratische Vorgehensweise ist ein direktes Hindernis für Individuen, die sich befreien wollen. Weil sie suggeriert, dass Kontrolle und Gehorsam an und für sich notwendig sind, um überhaupt zusammenleben zu können.

Das Kompromisseln

Die demokratische Idee hier und heute anzuwenden, ist also offensichtlich absurd. Soll die Demokratie heute praktiziert werden, ist sie eine Bindung und Anpassung an das Bestehende; an die bestehende Gesellschaft, an den bestehenden Kompromiss! Doch im Utopischen, jenseits der heutigen Gesellschaft, wollen sie einige praktizieren. Sie glauben, dass, wenn „das Volk“ sich befreit hat, dieses Volk sich dann demokratisch verwalten soll. Die Demokratie soll in der utopischen, idealen Gesellschaft praktiziert werden, wo es nur noch Einheit geben soll. Doch, sobald die Demokratie angewendet wird, wird sie zur konservativen Kraft, weil sie den Zustand, den sie als Gegeben annimmt, aufrechterhält, durch eben den Mechanismus, diesen Zustand als Gegeben anzunehmen, als genügend, um ihn als Grundlage für die Ewigkeit zu nehmen. Die Demokratie ist und bleibt eine statische Idee, die ihre Entwicklung allen anderen Entwicklungen aufpresst, die die einzige Entwicklung sein will. Das demokratische Prozedere ist die Selektion eines Kompromisses, Selektion aus den verschiedenen widersprüchlichen Richtungen, um diese zu vereinheitlichen. Die Demokratie ist überflüssig, wenn sowieso eine grundlegende Übereinstimmung über die Richtung besteht, weil die Leute dann sowieso in ihre Richtung gehen und handeln können, ohne sich gegenseitig zu stören; und sie ist schädlich, sobald diese gemeinsame Übereinstimmung nicht mehr vorhanden ist, denn ab da muss sie, soll sie weiterhin existieren, sich der Einheit, die demokratisiert werden soll, aufzwingen; wird sie zum Herrschaftsapparat. Da aber die Demokratie in einem harmonischen Zustand überflüssig ist, existiert sie (ob in den Köpfen oder real) nur dazu, künstlich eine Harmonie, ein Zusammenleben zu erzwingen und die Konflikte zu befrieden; dies ist aber immer nur eine oberflächliche Harmonie, die die einzelnen Individuen mit ihren Wünschen in Widerspruch bringt, weil sie sich einem Kompromiss unterwerfen; sie produziert somit eigentlich immer gehorchende Individuen, unterwürfige Individuen, Individuen, die nicht tun, was sie wollen, sondern was sie müssen. Dies, weil die demokratische Mentalität vor allem eins verlangt: die Bereitschaft, sich dem nächstbesten Kompromiss zu unterwerfen. Sich dem Konsens zu unterwerfen, wie auch immer dieser Zustande kommt.
Die Demokratie ist also nie die Zerstörung der Herrschaft, sondern nur ihre Verschiebung. Die Herrschaft des Volkes. Diese Macht ist umso erdrückender. Der Zwang, sich der Norm anzupassen, wird viel direkter ausgeübt, in den direktdemokratischen Paradiesen sogar ohne repräsentativen Schnick-Schnack. So würde aber die Autorität nicht abgeschafft, nicht einmal abgeschwächt, sie würde nur ungreifbarer, anonymer. Und damit auch unangreifbarer, weil irgendwie alle ihre eigenen Bullen wären. Das alles hat nichts mit Befreiung, nichts mit Anarchie zu tun, sondern nur damit, die Herrschaft anders zu legitimieren. Die Demokraten sagen uns, dass die Herrschaft gerecht ist, wenn sie „von allen“ ausgeübt wird, genauso wie uns irgendwelche Monarchisten sagen, dass sie nur gerecht ist, wenn sie vom gottgewollten König ausgeübt wird. Die Demokratie führt trotz ihrer gegenteiligen Behauptungen absurderweise immer zur Herrschaft einer Minderheit, und nur schon das sollte beweisen, dass an dieser Idee etwas faul ist. Aber selbst wenn wirklich die Mehrheit oder sogar „das ganze Volk“ herrschen könnte und uns das wieder als Freiheit verkauft würde, würden wir sagen, dass uns nur der absolute Ungehorsam gegenüber jeder Autorität und die permanente Rebellion dagegen befreien kann, und daran werden hoffentlich früher oder später alle Herrschaftssysteme, seien sie noch so demokratisch, ökologisch und was auch immer, scheitern.

Bruch

Wir wollen also die Zivilisation der Herrschaft zerstören. Das ist die einzige Veränderung, die uns genügt. Wie sich diese Gesellschaft aufrechterhält, ob sie dafür einen zentralistischen Staatsapparat, Bullen und Militär benötigt oder ob das ganz demokratisch durch die blosse Verbreitung der Bullenmentalität und den Gehorsam ihrer Bürger geschieht, geht uns eigentlich mehr oder weniger am Arsch vorbei. Diese Zivilisation ist buchstäblich auf der Autorität aufgebaut. Von der Familie über die Arbeit bis zu der sogenannten Freizeit, die Pest der Autorität verbreitet ihren Gestank überall. Das Ganze stinkt uns. Wir kämpfen für eine Revolution wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Um alle Institutionen, auf denen diese Gesellschaft aufgebaut ist, zu zerstören, und nicht bloss an der Oberfläche zu kratzen. Nicht, um danach neue Institutionen zu errichten, seien sie auch noch so demokratisch. Sondern um uns von der Autorität und vom Gehorsam zu befreien. Um ein freies Zusammenleben zu erproben, nicht erst in der Zukunft, sondern schon heute. Bewaffnet mit unseren Ideen und Überzeugungen warten wir auf keinen Konsens, um anzugreifen. Wir wollen frei Leben, dafür brauchen wir keine Legitimation, und sei sie „das Volk“. Wir vereinen uns mit allen, die sich auch befreien wollen, und wir stellen uns allen entgegen, die die herrschende Ordnung verteidigen. Wir wollen mit den Bürgern, Bullen, et cetera keine demokratische Verständigung. Wir wollen überhaupt gar keine Verständigung mit ihnen, wir wollen ihre Welt zerstören. Wir wollen sie aus unseren Leben vertreiben. Die Zerstörung einer feindlichen Gesellschaft beschliessen wir nicht demokratisch, sondern selber. Der Passivität der kompromisselnden Akzeptanz setzen wir die Aktivität der individuellen Initiative, als Bruch, Revolte und Angriff entgegen. Wir organisieren uns selber und das macht Mini-Parlamente, Gesetze, Verwaltungsräte und Vermittler nicht nur überflüssig, sondern zu unseren Feinden!

(Schluss)




 

 Zitate

« Es genügt nicht, sich zu bewegen, um vorwärts zu kommen. Die Richtung der Bewegung ist wichtiger als die Bewegung selbst. »
Max Sartin


 

 

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