Nummer 5 – März 2013

aufruhr 5


AUFRUHR
Nummer 5, Jahr I

Anarchistisches Blatt
Erscheint jeden Monat
Zürich, März 2013


Inhalt:

Armut
„Nein“ sagen bringt nichts, greifen wir an!
Ich
Wieso Krawall? Einige Gedanken zum wilden Fest vom 2. März
Unruhenachrichten


Als PDF-Datei.


 

Armut

Sehr oft haben wir die Neigung, nur dem Aufmerksamkeit zu schenken, was materiell ist, was in Zahlen bemessbar ist. So haben wir die Tendenz, das Elend, das in dieser Gesellschaft herrscht, allein unter dem Gesichtspunkt der materiellen Armut, oder, anders gesagt, des Mangels an Geld zu betrachten. Doch der Kapitalismus entreisst uns nicht nur die materiellen Mittel, um auf die Weise zu leben, wie wir es für gut halten. Er verpflichtet uns nicht nur, arbeiten zu gehen und uns vor den sozialen Hilfsinstitutionen niederzuknien. Er auferlegt uns nicht nur, in einer Umwelt zu überleben, die von der Industrie verseucht, von ihrer Produktion unnützer und schädlicher Gegenstände vergiftet und durch ihre grossartige Atomgerätschaft verstrahlt ist, die angesichts der Risiken und Katastrophen, die sie mit sich bringt, alle Menschen vom Staat und seinen Spezialisten abhängig macht. Nein, es ist nicht nur das.

Vielleicht noch schlimmer, als die materielle Verarmung, ist das in dieser Gesellschaft vorherrschende emotionale Elend, das von der Gesamtheit der sozialen Verhältnisse hervorgerufen wird, die dieser Welt das dreckige Gesicht geben, das sie hat. Wir machen eine Depression nach der anderen durch, wir erleben einen Selbstmord nach dem anderen, wir leben Beziehungen und Verhältnisse, die von Misstrauen, Konkurrenz, Gewalt und Heuchelei geprägt sind. Die zahlreichen unterschiedlichen Drogen lassen uns für eine kurze Zeit die unschöne und brutale Realität vergessen. Unsere Träume und Verlangen gehen nicht über den tristen Horizont des Bestehenden hinaus: das Abenteuer, das Unbekannte, die Leidenschaft… werden verbannt und wir können sie nur stellvertretend erfahren (in Filmen, Video-spielen,…). Die Betrübtheit legt uns ebenso sehr in Ketten, wie der Schatten der Gefängnisse, die Schinderei der Arbeit, die Notwendigkeit des Geldes.
Für dieses weniger „sichtbare“, intimere Elend hat diese Welt sogar eine ganze Palette von „Wunderheilern“ und „Gegenmitteln“ erfunden. Von Psychiatern bis zu Psychologen, von Drogen bis zu Antidepressivas, von „Ventil“-Momenten wie dem Samstagabend in der Disco oder dem Fussballmatch am Tag darauf, bis zum Schein von erlebtem Glück als Zuschauer hinter irgendeinem Bildschirm (interaktiv wie beim Internet oder passiv wie beim Fernseher)… Auf dem affektiven und emotionalen Elend wurde ein ganzer Markt aufgebaut. Doch hier wird, noch weniger als für die materielle Armut, kein „Gegenmittel“ jemals genügen. Die Betrübtheit kommt immer wieder zurück, sie klammert sich an den Menschen fest, sie verfolgt sie und jagt ihnen nach…

Aber es gibt auch andere Dinge. Durch die Macht gut verborgen, durch die Gewohnheit weit weggestossen, durch die soziale Ordnung stark erstickt. Es ist keine Flucht, es ist kein endgültiger Abschied von der Betrübtheit, doch es ist ein Anfang: von dem Moment an, in dem wir uns entscheiden, nicht mehr zu erdulden, sondern zu handeln; nicht mehr zu resignieren, sondern zu revoltieren; uns nicht mehr dahinzuschleppen, sondern zu leben, beginnt die Betrübtheit, dahinzuschwinden. Wenn wir uns auflehnen, machen wir nicht nur einen offensiven Schritt gegen das, was uns erstickt und uns unterdrückt, sondern, vielleicht noch viel wichtiger, erobern wir die Freude, zu leben, die Heiterkeit der Beziehungen unter komplizenhaften Aufständischen, die Offenheit und den Wagemut in dem, was wir denken, und dem, was wir tun. Das „Glück“ liegt nämlich nicht in der Anhäufung von Geld, in der Ausübung von Macht über andere, in irgendeinem Jenseits, sondern beispielsweise in der süssen Kohärenz zwischen unserem Denken und unserem Handeln. Die Betrübtheit kommt daher, dass wir uns selbst nicht wiedererkennen können, wenn wir uns im Spiegel anschauen, direkt in die Augen. Dass die Freimütigkeit unseres Wesens, unserer Gedanken, unserer Handlungen durch Misstrauen, Zurückgezogenheit und Abstand ersetzt wurde. Dass unser Leben keinen Sinn zu haben scheint, da ihn diese Welt uns niemals geben wird. Dass wir aufgehört haben, zu versuchen, die Fähigkeit zu erobern, unseren Leben selber den Wert zu geben.

Denn der ganze Reichtum unserer Leben liegt hier, vor unseren Augen. Es reicht, die Arme auszustrecken, unsere mit Überzeugung, Ideen und Freiheit bewaffneten Hände. Und durch die Anstrengung der Freiheit, durch die Revolte gegen eine sinnentleerte Existenz werden wir die Finsternis aus unseren Herzen vertreiben.


[Der obenstehende Text ist eine Übersetzung aus der Belgischen anarchistischen Zeitung „Hors Service“ und findet sich HIER auf Französisch und Niederländisch.]


 

„Nein“ sagen bringt nichts,

greifen wir an!

Auch wir sind gegen die Prozesse, die aus dieser Stadt einen immer unbewohnbareren Ort machen. Gegen die polizeiliche Belagerung der Quartiere, die Überwachungseinrichtungen und die gefängnisähnliche Architektur. Gegen die „Aufwertungsprojekteg, die im Dienste der Wirtschaft und der Reichen, und auf dem Rücken der Armen durchgesetzt werden. Von der Weststrasse über die Europaallee bis zum Bau des neuen PJZ. Nur denken wir, dass „Neing sagen alleine nichts bringt, wenn es nicht auch mit einer aktiven und direkten Intervention verbunden ist. Aber was verstehen wir darunter?
Machen wir uns keine Illusionen. Mit den Protesten, die „Dissens bekunden“ und „Druck ausüben“ wollen, wurde noch nie eine wirkliche Veränderung erreicht. Das, was erreicht wird, sind höchstens einige Zugeständnisse, die sich diejenigen, die sich als Bosse unserer Leben und Umwelt aufspielen, erbarmen, uns zu geben. Um uns wieder ruhig zu stellen. Diese Zugeständnisse werden nur gegeben, insofern sie mit ihren Interessen vereinbar sind, das heisst, im Grunde nichts fundamentales verändern. Ansonsten lautet ihre Antwort schlicht und einfach: Repression.

Wenn wir gegen die Prozesse intervenieren wollen, die diese Stadt, in der wir leben, immer mehr einzig nach dem Abbild des Kapitals und seiner Interessen gestalten (gewinnbringend, reibungslos, sauber, kontrolliert, funktional, tot…), dann sollten wir, wenn wir wirklich etwas erreichen wollen, diese Intervention nicht an irgendwelche Politiker delegieren, indem wir uns selbst auf die Rolle beschränken, „Druck auszuüben“. Dann müssen wir diese Intervention in unsere eigenen Hände nehmen. Genauso, wie wir unser ganzes Leben und die Welt, die man uns entreissen will, wieder in unsere eigenen Hände nehmen wollen. Und wie verhindert sich der Rausschmiss einer ganzen Strassenallee? Der Abriss unseres Wohnortes? Der Bau von neuen Gebäudekomplexen wie das PJZ oder die Europaallee, die, gegen uns gerichtet, eine grössere Kontrolle oder eine gewinnbringendere Bevölkerungsschicht in die Quartiere einführen wollen? Wenn wir auf nichts als unsere eigenen Hände vertrauen wollen?

Wir denken: durch die Verweigerung, die Sabotage und den direkten Angriff gegen die Interessen, die dafür verantwortlich sind! Indem wir den Schleier der Verantwortungslosigkeit herunterreissen, und bei denjenigen intervenieren, die diese Projekte der Vertreibung, der Ausbeutung und der Einsperrung realisieren und Profit daraus schlagen. Von den Bau- und Abrissfirmen, über die Architekten, bis zu den Politikern und Verwaltern. Sie sind es, die diese Stadtentwicklungsprozesse realisieren, bei ihnen ist es, wo sie gestört und verhindert werden können.

Auch hier dürfen wir uns keine Illusionen machen. Auch diese Mittel schaffen es vielleicht nicht, die Projekte des Machtkolosses zu verhindern (auch wenn wir denken, dass, im Gegensatz zu den Mitteln der Politik, die Möglichkeit dazu viel konkreter ist), dafür aber findet eine wirkliche Veränderung statt. Diese Veränderung ist nicht ein realisiertes oder verhindertes Projekt, sondern sind die Beziehungen, die wir in einem solchen Kampf entwickeln. Die Beziehungen unter uns, durch Selbstorganisation, Solidarität und Komplizenschaft. Die Beziehungen zu uns selbst, durch die Wahrnehmung unserer Kraft als Individuen. Die Beziehungen zur Welt, durch die Ununterworfenheit und die Umwälzung der passiven Rollen, die uns aufgezwungen werden. Und diese Art von Beziehungen stehen im Gegensatz zum ganzen Funktionieren dieser Welt. Und nur in ihnen lässt sich eine Stärke entwickeln, der es schliesslich gelingen kann, die Welt, die uns aufgezwungen wird, wirklich umzustürzen. Das, was sich also wirklich verändert, wenn wir die Intervention gegen diese Projekte der Stadtentwicklung, sowie gegen alles, was uns unterdrückt, selber in die Hand nehmen, indem wir uns auf den Angriff stützen, ist, nicht mehr das Gefühl zu haben, als blosse umherschiebbare Spielsteine in einer aufgezwungenen Welt zu leben – und unsere Freiheit in der Revolte zu erproben.

[Dieser Text wurde Ende Oktober 2012 bei einem Protestumzug gegen die Stadtentwicklung verteilt, der auf dem Vorplatz des künftigen PJZ begann und in Barrikaden und Konfrontationen mit den Bullen endete.]


 

Ich

Ich habe einen Verstand, einen Charakter, der mich von meinen Mitmenschen unterscheidet, und ich habe eine Würde, die sich weder verkaufen noch beugen will. Ich habe eine Menge zu verstreuende Energien, zu entwickelnde Gedanken und zu begehende Handlungen. Ich suche nach der Erfüllung von mir selbst, nach der vollständigen Entfaltung meiner Individualität, und in dieser Entfaltung fühle ich mich glücklich. Ich suche nach dem Wohl der anderen oder verachte es, je nachdem, ob ich in ihrem Wohlstand mein Glück oder mein Unglück finde.
Ich will. Ich will materiell frei sein, um sagen und tun zu können, wonach mir ist, ohne dass mir irgendeine Autorität irgendetwas aufzwingt. Ich nehme Kritik oder Ratschläge von anderen an, nachdem ich über sie nachgedacht, sie für gut befunden und verstanden habe; den brutalen Befehl aber verachte ich und weise ich zurück.
Ich spüre in mir selbst die moralische Unmöglichkeit, zu gehorchen. Da ich ein Gehirn habe, das denkt, will ich tun, was ich für richtig halte, und nicht, was meinen Unterdrückern zugutekommt. Ich habe es nicht nötig, dass mich irgendjemand führt und mich beschützt: Man sagt mir, das Individuum könne sich nicht selbst führen, doch wenn ich meine Handlungen nicht regeln kann, dann können noch viel weniger die Regierenden die Handlungen von anderen führen.

Da ich also in der heutigen Gesellschaft nicht frei bin, kämpfe ich mit all meinen Kräften, um alle Schranken zu zerstören. Ich kämpfe nicht, weil ich auf einen weit entfernten Wohlstand hoffe, nicht nur, weil ich Glauben an die Zukunft habe. Ich lebe in der Gegenwart. Selbst wenn ich wüsste, dass ich niemals frei sein werde, würde ich genauso revoltieren, denn ich spüre den Drang, gegen jegliche Tyrannei zu revoltieren.
Ich habe keinen Glauben, ich habe keine Dogmen, ich habe keine Sorgen einer Partei oder einer Schule. Ich glaube weder an Gott, noch an das himmlische Paradies oder an das irdische, das die Gesellschaftler vor den Augen anderer wie im Traum aufblitzen lassen.
Ich suche nicht danach, mich mit meinen Mitmenschen für den Ruhm zu vereinigen, einem Verband anzugehören, und unter einem Banner Unterschlupf zu finden. Ich schliesse mich zusammen für ein bestimmtes Ziel, und wenn dieses erreicht ist, ergreife ich wieder meine Freiheit.
Ich hasse die konstituierten Formen, weil sie im Widerspruch zum Fortschritt stehen, der beständig alles verändert.
Ich will nicht wissen, es kümmert mich nicht, was die künftige Gesellschaft sein wird. Ich glaube nicht an jene, die im Namen des Volkes, der Menschheit und anderer ungreifbaren und formlosen, kollektiven Körperschaften sprechen, denn man kann das Zusammengesetzte nicht kennen, ohne die einfachen Einzelnen – jeden für jeden – zu kennen – was unmöglich ist. Darum glaube ich nicht an die Abgeordneten, an die Widerstandskomitees, an die Kongresse und alle Parlamentarismen. Nur ich alleine kann mich selbst repräsentieren.

Ich will keine Bestrafungen, ich will keine Gesetzbücher, Formalismen, Stempel und dergleichen. Die moralischen Gefühle drängen sich nicht auf, wenn sie nicht existieren, und wenn sie existieren, ist es nicht nötig, sie aufzudrängen. Ich rebelliere gegen die Mode, ich glaube nicht an die Phrasen, an das Recht, an die Moral, an die Justiz. Im Übrigen formt sie sich ein jeder für den eigenen Gebrauch und Verzehr.
Ich glaube nur an die Stärke und an den Kampf, der das Individuum vorantreibt, nicht, um die Schwachen zu zertrampeln und die Starken zu vergöttern, sondern, um sich selbst immer mehr zu erhöhen und zu verbessern. Ich glaube an das Leben, an die Energie. Heute kämpfe ich mit Gewalt, weil ich gegen mich die Gewalt habe; morgen kämpfe ich mit dem Denken, weil ich gegen mich das Denken habe.
Mein Ziel ist es, mich zu vervollkommnen; mein Mittel ist der Kampf, mein Verlangen ist die Freiheit.
Mich beschimpfen die Frommen und nennen mich hochmütig, unmoralisch, etc. Ich lache über sie: für meine Handlungen bin ich nur vor meinem Bewusstsein verantwortlich. Ich bin Atheist, ich bin Rebell, ich bin Anarchist, ich bin frei. Ich bin „Ich“.

[Publiziert am 12. Februar 1910, in La Rivolta, eine anarchistische Zeitung aus Pistoia, Italien.]

 


 

Wieso Krawall?

Einige Gedanken zum wilden Fest vom 2. März

Die Medien sind empört. Empört über ÑKrawalle“, ÑPlünderungen“ und ÑSachschäden“. Sie können nicht verstehen, was da passierte. Sie versuchen, das Ganze irgendwie in ihr Weltbild zu pressen. Einige “gewaltbereite Chaoten” hätten die “friedlichen Demonstranten” missbraucht, das Fest sabotiert, Ausschreitungen provoziert, etc. Das übliche Geschwätz.
Nun, diejenigen, die vor Ort waren, wissen, dass es diese Spaltung in „Gute“ und „Böse“ nicht gab. Alle lebten sich aus, alle auf ihre Weise, mit ihren eigenen Gründen. Und die Gründe, die dieses Fest in ein wildes Fest, in einen Krawall verwandelt haben, sind Gründe, die weit über den spezifischen Anlass hinausgehen. Es geht um das ganze Elend dieser Gesellschaft, und darum, es anzugreifen, anstatt es zu erdulden…

*     *     *

In der Samstagnacht vom 2. März, gegen etwa 23:30, begannen etwa zwei, drei Tausend Menschen und verschiedene Wägen mit Musik das besetzte Binz-Areal in Zürich zu verlassen, um durch die Stadt zu ziehen, anlässlich der Räumungsdrohung gegen eben dieses Binz-Areal. Die Stimmung war festlich und ausgelassen, und man spürte, wie sich das belebende Gefühl verbreitete, sich die Strassen zu nehmen, und den Raum, alles mögliche zu tun. Von Anfang an liessen sich verschiedenste Leute mit Spraydosen aus und sprühten Graffitis und Parolen auf die kargen Wände dieser Stadt, gegen die Polizei, das Eigentum, die Gefängnisse, das neue PJZ oder die Stadtentwicklung im Allgemeinen… Bei der Schmiede Wiedikon wagten es die Bullen zum ersten Mal, sich dem Umzug in den Weg zu stellen. Sofort wurden sie angegriffen, wurden Barrikaden gebaut und wurde wie wild gekämpft. Doch nicht nur sie wurden angegriffen. Auch diverse Polizei- und Justizgebäude, Banken und Unternehmen verloren ihr unschuldiges Antlitz. Zu viele, um sie hier alle aufzuzählen. Was auf jeden Fall erwähnenswert ist, sind die Plünderungen. Die ganzen Bürger, die sich um das ach so heilige Eigentum sorgen, waren schockiert. Da haben Leute einfach eine Scheibe eingeschlagen, sind hineinspaziert und haben sich genommen, was sie gerade brauchten. Was ihnen aber am meisten Angst macht, ist, dass es sich nicht einfach um gewöhnlichen Diebstahl, sondern um eine soziale Plünderung handelte, und dass diese Idee Verbreitung finden könnte. Die alte Idee, dass es “nur Schaufensterscheiben sind, die uns von dem trennen, was uns fehlt”. Dies ist es, was den Reichen und Mächtigen schlaflose Nächte besorgt. Dass die Revolte sozial wird, und eben das ist – wenn auch nur für eine kurze Zeitspanne – in dieser Nacht geschehen…

*     *     *

Der Umzug zog weiter durch die Kreise 3 und 4, Leute bauten immer wieder Barrikaden, konfrontierten sich mit der Polizei, griffen an, was sie stört in dieser Welt, oder genossen einfach nur das Fest. Denn das Surrealste am Ganzen war, dass die verschiedenen Musikwagen, einer davon mit Band, die ganze Zeit über, manchmal auch mitten im Tränengas, Musik spielten.
Die Polizei schien komplett überfordert. Noch lange nachdem sich der Umzug in der Binz wieder auflöste, war die Feuerwehr damit beschäftigt, Barrikaden zu löschen. Die Putzequipen arbeiteten hart in den folgenden Tagen, um der Stadt wieder ihren üblichen, sterilen Anblick zu geben. Dennoch sind viele Spuren zurückgeblieben, nicht nur an den Häuserfassaden und Schaufensterscheiben, sondern – was viel wichtiger ist – in den Köpfen, Herzen und Leben von denjenigen, die die Gunst der Stunde nutzten, um auszubrechen, zu revoltieren und anzugreifen…
Und diese Spuren können sie nicht wegputzen. Die Erinnerungen an Aufruhr und Revolte, die schöne Erfahrung, zumindest für eine kurze Zeit die Angst überwunden zu haben, um sich das Leben im Jetzt zurückzuerobern. Daran ändert auch der Müll nichts, den die Journalisten im Nachhinein in ihren Schundblättern schrieben. Sie tun so, als wäre es etwas anderes, wenn Menschen in Ägypten in Aufstand treten. Als wären die Gründe, welche dort unten die Revoltierenden den Staat und das Eigentum angreifen lassen, hier nicht dieselben. Solange es in Nordafrika passiert, finden es die Bürger legitim, weil es sie ja nicht betrifft, aber hier, da heulen sie rum, fragen sich wieso und warum, und behaupten, “dass es uns hier doch so gut geht”. Welch Heuchelei! Auch in Ägypten gibt es Bürger, die das behaupten. Klein- und Grossbürger, die die herrschende Ordnung immer genauso akzeptieren, lieben und verteidigen, wie sie gerade ist.

Wir aber, die keine Herrschaftsordnung jemals anerkennen werden, freuen uns über jede Revolte des Pöbels, über die Barrikaden, die geplünderten Läden und zerstörten Schaufensterscheiben. Doch, um das klarzustellen: es sind nicht die Trümmer, die wir suchen, sondern die Wege, die durch sie hindurchführen. Es sind die Erfahrungen der Revolte, der eigenen Kraft und Freiheit als Individuum, der Zurückweisung der Autorität, des Bruchs mit den gesetzlichen und moralischen Schranken, der Solidarität in der Weigerung, sich zu unterwerfen… Denn es sind diese Erfahrungen, die den Wunsch nach Freiheit nähren, und den Willen, dafür zu kämpfen. Und wir werden uns nicht zufrieden geben, nicht bevor wir so oft auf die Barrikaden gegangen sind, bis es überhaupt keine Autorität mehr gibt, die sich uns aufzwingen will, nicht bevor die Plünderung solche sozialen Ausmasse angenommen haben, bis sich ein jeder nehmen kann, was er braucht, um dann den ganzen Warenschnickschnack mitsamt den Läden, Banken und Büros zu verbrennen. Denn, erst wenn jegliches Eigentum aufgehoben und jegliche Autorität beseitigt ist, wird eine Welt auf der Grundlage der Freiheit möglich sein, in der alles allen gehört und jeder selbst über sein Leben bestimmen kann.


 

Unruhenachrichten

Hin und Zurück

Die SBB zieht uns nicht nur das Geld aus den Tasche, indem sie dem Zwang der Arbeit den Witz hinzufügt, dafür bezahlen zu müssen, um an den Ort unserer Ausbeutung zu gelangen. Sie kollaboriert auch breitwillig dabei, diejenigen, die sich nicht in dieses Ausbeutungssystem einfügen können oder wollen, ins Gefängnis oder in die Ausschaffungshaft zu transportieren, oder auch dabei, neue Strukturen der Bestrafung und Kontrolle zu schaffen, wie das neue Polizei- und Justizzentrum in Zürich, wofür sie ihr Gelände beim Güterbahnhof verkaufte.
Nun, was auch immer der Grund gewesen sein mag, wieso jemand Anfangs März unter der Europabrücke zwei Vans der SBB in Brand gesteckt hat, wir zumindest kennen genug Gründe, um uns darüber zu freuen.

Die Gunst der Stunde

Wie uns ein aufmerksamer Spaziergänger berichtete, waren am Morgen des 3. März beim Eingangsbereich des Bauamts von Zürich die Scheiben eingeschlagen. Ein Amt, das nicht nur für die Präsenz zahlreicher hässlicher und staatlicher Gebäude in dieser Stadt verantwortlich ist, die uns überschatten und uns in der Sonne stehen, sondern auch spezifisch für den anstehenden Bau des neuen Polizei- und Justizzentrums beim alten Güterbahnhof.
Ob da wohl jemand die Gunst der Stunde nutzte, um  unbemerkt anzugreifen, als die Polizei in den Kreisen 3 und 4 mit den ÑBinz-Krawallen“ absorbiert, und daher überall sonst praktisch abwesend war?

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