Nummer 3 – Januar 2013

aufruhr 3


AUFRUHR
Nummer 3, Jahr I

Anarchistisches Blatt
Erscheint jeden Monat
Zürich, Januar 2013


Inhalt:

Ein verbaler Angriff gegen das Bestehende
Wir wollen das Abenteuer, nicht die Sicherheit
Sitzen wir alle im selben Boot?
Unruhenachrichten


Als PDF-Datei.


 


Ein verbaler Angriff

gegen das Bestehende

 

I

 Die Bedingungen sind ungünstig, um von Freiheit zu reden. Wir wurden in dieser Gesellschaft erzogen, verstümmelt, und wissen sehr wenig von einem freien Leben. Alles, was wir kennengelernt haben, sind komplett institutionalisierte Beziehungen, eine Welt von Menschen, die sich an ihren Rollen festklammern, um ja nicht das Risiko einer freien Individualität, jenseits von Moral und Autorität, einzugehen. Diese Leute, die offensichtlich in der Überzahl sind, versuchen auch uns in diese Rollen zu quetschen, diese Rollen, geschaffen nur dazu, in einer Gesellschaft zu funktionieren, deren ganzer Sinn sich im Kaufen und Verkaufen zu erschöpfen scheint. Sie versuchen, uns zu erziehen, zu guten Rädchen und Nummern, bestrafen uns, wenn wir die Normen übertreten, belohnen uns, wenn wir brav sind, wir kennen das alle. Sie erziehen uns, denn ein guter Untertan muss lernen, zu gehorchen, muss lernen, sich in diese Gesellschaft einzufügen und seine Rolle auszuführen.
Irgendwann – wenn die Erziehung abgeschlossen ist – werden wir in die „Erwachsenenwelt“ entlassen, und was sehen wir da: auch hier dasselbe Spiel, unselbstständige Untertanen, die nur gelernt haben, zu gehorchen oder ihre Komplexe in einem autoritären Sadismus auszuleben.  Und über den ganzen gesellschaftlichen Institutionen  – die schon an und für sich autoritär sind – wacht Vater Staat…
Nicht ihr könnt am besten für euch sorgen, nein, das kann nur die Regierung, die euch vor euch selber beschützt. Ihr seid unfähig, zusammenzuleben und braucht immer eine Mittlerinstanz, die euch alle überwacht. Dass das absurd ist, ist klar. Doch auch dieser Papi droht uns mit der Strafe, denn er ist es, der schlussendlich die Verwertung der Untertanen ermöglicht… Und seine Strafen sind viel wirksamer. Vor ihm gibt es keine Flucht. Und deshalb wagt es keiner, ihn in Frage zu stellen. Praktisch in Frage zu stellen.

II

Alle seine Gewalttaten hüllt der Staat in den Glanz seiner Gesetze, seiner ach so gerechten, übermenschlichen Gerechtigkeit, die in den Köpfen seiner verblendeten Bürger herumspuken. Seine Existenz wird die ganze Zeit mit wirren Gerüchten gerechtfertigt. „Seht doch, ohne die Regierung, ohne eine Macht, die alle zusammenhält, würden sich alle auffressen.“ Das ist das Gerücht, dass überall verbreitet wird. „Die Anarchie ist schrecklich, fürchtet euch, Untertanen! Fürchtet euch, denn, würdet ihr euch nicht fürchten, wieso solltet ihr dann noch gehorchen. Ohne uns, ja, da wärt ihr noch viel schlimmer dran…“
Um diesen Schwachsinn zu untermauern hat der Staat ein Heer von Philosophen, Oberlehrern und anderen „klugen Leuten“, die vom Leben nichts wissen, aber glauben, uns beraten zu können. Philosophen, die die Ordnung nur als das kennen, was das Chaos beherrscht, weil sie sich vor dem unkontrollierten Leben fürchten. Leute, die auch noch stolz darauf sind, den Müll, den sie in der Schule gelernt haben, in und auswendig zu können, und deren Phantasie längst verkümmert ist. Oberlehrer, die die Polizei als Freund und Helfer betrachten, weil sie beide von ein und derselben Institution angestellt sind. „Kluge Leute“, die vielleicht sogar kritisch sind, aber nur um zu sagen, dass wir trotz alledem in der besten aller Welten leben…

III

Wenn du diesen Schwachsinn nicht glaubst, und dir noch ein freies Leben vorstellen kannst, dann wirst du – betrachtest du freies Leben nicht als blossen theoretischen Wunschtraum, sondern als konkrete Möglichkeit, mit der es zu experimentieren gilt – ziemlich schnell erkennen, dass die heutigen Zustände einfach nur zerstörungswürdig sind. Und dann wirst du ziemlich schnell das wahre Gesicht des Staates – die Bullen, die Gerichte und Knäste jeglicher Sorte – kennenlernen. Denn das ist das Gesicht, das der Staat seinen Feinden zeigt. Das Gesicht, das seine Ursprünge offenlegt: die Unterwerfung der Feinde und ihre Versklavung. Diese ist seine Grundlage – die die Untertanen schnellstmöglich verdrängen, weil es ihr Untertanentum unerträglich machen würde, und die die Bürger verschleiern, weil sie davon profitieren –, das Wesen des Staates: das aufzwingen seiner Regeln und Gesetze, und zwar allen, die das „Glück“ haben, auf seinem Territorium zu leben. Heute ist das bekanntlich überall der Fall…
Da der Staat jedes freie Leben im Keim ersticken muss, schlicht und einfach weil seine Bedingungen sich nicht mit der Freiheit vertragen, wollen wir uns organisieren, um anzugreifen, organisieren – nicht mit einem Programm, ohne Fahne, ohne Repräsentation durch Namen und Statuten – im permanenten Konflikt mit der Herrschaft und mit der Absicht, irgendwann den Staat und alle Unterdrückung zu zerstören und ein freies Leben aufzubauen.

IV

Denn dass der Staat unzerstörbar ist, die Polizei nur aus Übermenschen besteht und die Überwachung auch wirklich alles sieht, möchten sie uns glauben machen. So ist es aber nicht. Schon ein paar wenige entschlossene Menschen können eine ganze Menge Schaden ausrichten, sabotieren, untergraben, kurz: an den Grundmauern dieser Gesellschaft nagen. Es ist nicht unmöglich, Brüche in der Gesellschaft zu kreieren oder aufzugreifen, Unruhe zu stiften und ein aufrührerisches Leben zu führen…
Klar, die Bedingungen sind ungünstig, um von Freiheit zu reden. Die meisten können sich Aufstände und Revolutionen gar nicht mehr vorstellen. Die Verhältnisse sind so verhockt, die Gesellschaft scheint den Staat und ihr Untertanentum geradezu zu lieben, et cetera, doch: die Frage ist nicht, wie gut die Chancen stehen, sondern was wir wollen. Wollen wir weiterhin in diesem Pseudo-Leben versumpfen, mit der Sicherheit in diesem tristen Elend zu leben und zu sterben, oder wollen wir mit aller Hartnäckigkeit es immer wieder versuchen, um wenigstens die Möglichkeit der Befreiung offen zu halten?…

V

Wir zumindest wollen es immer wieder versuchen. Pläne schmieden, die schlechtesten Absichten hegen, angreifen. Wir wissen genau, dass wir das Bestehende nicht wollen, und diejenigen, die uns sagen, „was wäre denn die bessere Lösung“, verstehen nicht, dass wir zuerst einmal die Freiheit brauchen, um über Freiheit zu reden. Dass es lächerlich ist, zuerst darüber zu reden, was denn folgen soll, während die Gegenwart uns erstickt. Die Betonwüsten und Atomkraftwerke, die Schulen, Knäste und Psychiatrien, die Arbeit und der Konsum, das massive emotionale Elend, das so viele in den Selbstmord treibt, – wir wüssten nicht, was es von all dem zu bewahren gilt. Es ist unser Gehorsam, der all dies möglich macht. Unsere Apathie, die jede freie Regung im Keim erstickt. Es sollte unser Aufbegehren sein, das dem Ganzen ein Ende setzt…


 

Wir wollen das Abenteuer

nicht die Sicherheit

Das Abenteuer ist ein aussergewöhnliches Ereignis, ein gefährliches Unternehmen, das durch die Faszination des Risikos, das es mit sich bringt, verlockt: in ferne und unbekannte Orte vordringen, eine ungewohnte und unvorhergesehene Handlung vollführen, überwältigende Begegnungen machen. Im Grunde enthält die „existenzielle“ Struktur der menschlichen Erfahrung an sich schon die Dimension des Abenteuers. Wenn wir die Geschichte des Menschen betrachten, wie sie sich bildete, so können wir leicht feststellen, wie sie gerade durch die Fähigkeit des Individuums ermöglicht wurde, stets über das Bereits-Gegebene oder das Bereits-Besitzende hinaus zu gehen, in einer beständigen Öffnung gegenüber dem Anderen, dem Noch-nicht-bekannten-und-noch-nicht-ausprobierten, die schon immer die notwendige Bedingung war, damit die Geschichte nicht bloss die langweilige Wiederholung des Selben ist.
Die Sicherheit hingegen charakterisiert sich durch die Abwesenheit des Risikos.
Die Vermehrung der Polizisten und Überwachungssysteme, die von vielen Seiten gefordert wird, folgt einem einzigen Ziel: dass niemals irgendwas geschieht, um sich an eine ewige Gegenwart zu binden, bestehend aus Arbeit, Waren und Gehorsamkeit. Jeder Aufruf zur Sicherheit verurteilt also das Abenteuer und somit das Werden zum Tode. Diese Verherrlichung des Bestehenden ist nicht nur verächtlich aufgrund ihrer Feigheit, sonder auch dumm aufgrund ihrer Sinnlosigkeit: der Krieg unter Armen wird weiterhin seine Opfer fordern, auch unter dem wachsamen Auge der Überwachungskameras, während die einzigen, die von einem allgegenwärtigen Schutz profitieren, die Reichen und Mächtigen in ihren abgeschirmten Villen sind.
Der Mensch ist das einzige Tier, das so töricht ist, die Sicherheit und die Bequemlichkeit eines Zoos dem Risiko und der Freiheit des Dschungels vorzuziehen. Ist er aber dann hinter den Gittern eingesperrt, verbringt er den Rest seines Lebens damit, davon zu träumen, auszubrechen und mittels einer Myiade von Ersatzmitteln das Abenteuer zu suchen. Und so sehen wir, wie er im Chor singt, ein waghalsiges Leben zu wollen, wie er die Kinosäle füllt, wo die Rebellion gegen eine Welt projiziert wird, die auf eine Matrix reduziert ist, und gegen ein Leben, das unter Kontrolle steht und in die Fiktion getaucht ist, wie er sich in Protagonisten von Videospielen hineinversetzt, die immer bizarrer und unglaublicher werden. Was für eine Heuchelei!
Was uns betrifft, wir wollen nicht die Sicherheit. Wir bevorzugen es, das Risiko einzugehen, von einem Dieb bestohlen zu werden, anstatt die Sicherheit zu haben, unter dem Auge der Polizei an Langeweile zu sterben oder uns tagtäglich unserer Intimität beraubt zu sehen. Wir wollen das Abenteuer und wir wollen es jetzt. Es geht nicht um eine exotische Ferienreise, die gebucht werden kann, sondern um eine ganze Welt, die es umzuwälzen gilt. Denn wir halten die aufgezwungene Normalität nicht mehr aus. Denn wir halten das Sicherheits-Konzentrationslager nicht mehr aus. Denn wir halten dieses scheiss Überleben nicht mehr aus, das man als Leben ausgeben will. Denn wir wollen, dass endlich das Unbekannte in die Realität einbricht und diese umwälzt.


[Der obenstehende Text ist eine Übersetzung aus der Nummer 4. der Italienischen anarchistischen Zeitung „Machete“, publiziert im Juni 2011.]


 

Sitzen wir alle im selben Boot?

In Konflikt zu sein, macht einen Teil des Individuums aus, seiner Beziehung mit sich selbst, mit anderen Individuen und der Welt, die es umgibt.
Diese Tatsache abzustreiten, würde nicht nur bedeuten, die Möglichkeit abzustreiten, dass es zwischen verschiedenen Individuen unterschiedliche und unvereinbare Interessen geben kann, sondern auch, die Individualität selbst abzustreiten.

In einer Gesellschaft taucht der Konflikt auf, wenn sich die Interessen eines oder mehrerer Teile der Gesellschaft im Kontrast zu den Interessen des Restes der Gesellschaft befinden. Diese Interessen können sehr unterschiedlich sein und zum Beispiel von der schlichten Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen bis zur Suche nach einem komplett anderen Leben reichen.
In der Gesellschaft, in der wir leben, scheint der soziale Konflikt immer weniger präsent zu sein, oder sich zumindest, im Vergleich zu anderen Epochen, weniger klar auszudrücken. Die Abwesenheit oder geringe Sichtbarkeit dieses Konfliktes in einer Gesellschaft kann zwei Bedeutungen haben: die erste ist, dass es keine besonderen Interessensgegensätze innerhalb der Gesellschaft gibt, was also bedeuten würde, dass wir am Ende der Geschichte angekommen sind, eine perfekte Gesellschaft erreicht haben, in der alle Interessen harmonisch nebeneinander existieren.
Die zweite Bedeutung hingegen ist, in einer befriedeten Gesellschaft zu leben, in welcher der Konflikt abgeschwächt, unsichtbar gemacht und so verwaltet wird, dass er sich nicht offen, in seiner ganzen Ausdehnung ausdrücken kann, oder auch einfach, dass er sich woanders ausdrückt.
Wir Anarchisten glauben, von der Lösung der sozialen Frage noch ziemlich weit entfernt zu sein. Im Gegenteil, wir befinden uns noch am Anfang der Geschichte der Freiheit. Darum glauben wir, dass die Bedeutung, die wir der geringen Präsenz von Konflikten in unserer Gesellschaft geben müssen, ist, dass wir in einer befriedeten Gesellschaft leben, in der die Konflikte zwar existieren, aber dazu neigen, sich unter der Oberfläche abzuspielen.

Der Konflikt in der demokratischen Gesellschaft

Zur Zeit scheint der soziale Konflikt eingeschläfert, nicht fähig, sich offen in unserer Gesellschaft auszudrücken, im Vergleich zu anderen Epochen, in denen sich der Konflikt zwischen Freiheit und Autorität gewaltsam und auf offenem Feld ausdrückte. All dies liegt daran, dass sich die demokratische Gesellschaft, auch wenn sie zugibt, viele Mängel zu haben, als die beste aller möglichen Gesellschaften verkauft, die es gibt, die beste jener also, die realistisch vorstellbar sind, kurz gesagt, die am wenigsten schlimme. Laut den Verfechtern der Demokratie bedeutet die Tatsache, diese Gesellschaft trotz ihrer Mängel zu akzeptieren, das geringere Übel zu akzeptieren; sie hingegen in Frage zu stellen oder gar anzugreifen, würde uns entweder an den Rand des gesellschaftlichen Chaos oder zu einer „unterdrückerischeren Diktatur“ führen.
Schliesslich gestehen praktisch alle ein, dass es besser ist, hier zu leben, als unter anderen diktatorischen Regimes in anderen Teilen der Welt.

„Es ist gesagt worden, dass die Demokratie die schlimmste Form der Regierung sei, mit Ausnahme all jener anderen Formen, die bisher ausprobiert wurden.“

Churchill

Die Demokratie behauptet, die Interessen eines Volkes oder einer Gemeinschaft zu vertreten – abstrakte Wesenheiten, die das gleiche sein sollen, wie die Summe aller Individuen, die ununterschieden Teil davon sind. Dies ist nichts anderes als eine Lüge, die ausgehend von der Abstrahierung vom Individuum, von seinen Interessen und seiner sozialen Situation behauptet, alle miteinander zu vereinigen, indem sie uns alle in dasselbe Boot setzt; schliesslich sind wir doch alle Menschen und Teil derselben Gemeinschaft: der Konflikt, der zwischen Reichen und Armen, Ausbeutern und Ausgebeuteten existieren müsste, wird somit zunichte gemacht oder auf eine andere Ebene verschoben, auf die Ebene der Erschaffung von „gemeinsamen Interessen“, für die es möglich ist, Übereinkünfte zu finden, anstatt jener der unterschiedlichen Interessen von Individuen oder Kategorien. Es ist unnötig, zu sagen, dass diese „gemeinsamen Interessen“ oft die Interessen derjenigen sind, die uns ausbeuten und unterdrücken, und die mehr daran zu gewinnen haben, dass die aktuelle Gesellschaft aufrechterhalten wird. Einige Beispiele gemeinsamer Interessen könnten sein: die Aufrechterhaltung des sozialen Friedens, welcher eine praktisch ungestörte Ausbeutung von Seiten der Bosse ermöglicht, im Austausch gegen eine Verbesserung der Ausbeutungsbedingungen im Vergleich zu den Nachbarländern; die Aufrechterhaltung der demokratischen Gesellschaft, in welcher der Dialog, die Übereinkunft und der Kompromiss zwischen einander entgegengestellten Kategorien immer möglich ist; die Wirtschaft, denn wenn die Wirtschaft gut funktioniert, profitiert die ganze Gemeinschaft davon, sei es durch die Erschaffung von neuen Arbeitsplätzen, die Erhöhung der Löhne oder der Sozialhilfe vom Staat; die Sicherheit, denn eine höhere Sicherheit soll uns erlauben, unser Leben ungestört und ohne Risiken zu leben.
Die existierenden Konflikte werden also im Namen dieser „höheren gemeinsamen Interessen“ befriedet, die alle darauf abzielen, die aktuelle Gesellschaft zu reproduzieren.
Eine Gesellschaft, die behauptet, auf der Übereinkunft zwischen unterschiedlichen Interessen zu basieren, die in starkem Gegensatz zueinander stehen, kann nur eine Illusion sein, zumindest solange diese Gegensätze nicht beseitigt sind.

Die Rolle der Politik

In diesem Licht wird die Rolle der „Politik“ deutlich, bei welcher der Konflikt, anstatt von den direkt Betroffenen geklärt zu werden, an dritte Instanzen delegiert wird (Politiker, Parteien, Vereine,…), die sich darum kümmern, diesen Konflikt innerhalb des demokratischen Rahmens des Dialogs zwischen den verschiedenen Beteiligten und somit durch eine Übereinkunft zu verwalten, die fähig ist, alle, oder wenn dies nicht möglich ist, die Mehrheit der eigenen Mitglieder so gut als möglich zufriedenzustellen.
Die Konfrontation zwischen diesen politischen Kräften wird zu einer Konfrontation zwischen Repräsentationen, zu einem künstlichen Spektakel der wirklichen Konfrontation. Eine der Konsequenzen dieser simulierten Konfrontation besteht darin, das Level der wirklichen Konfrontation herabzusetzen und dafür zu sorgen, dass diese Konflikte von staatlichen oder parastaatlichen Institutionen vermittelt und filtriert werden, was den direkt Betroffenen die Kontrolle darüber entzieht.
So scheint es möglich, dass Ausgebeutete und Ausbeuter im Namen eines „Gemeingutes“ (das Volk, die Nation, die Gemeinschaft…), für das es möglich ist, eine Übereinkunft zu finden, Seite an Seite auskommen können, anstatt sich im Kampf für die Aufrechterhaltung oder für das Ende der Ausbeutung und der Unterdrückung zu befinden.

Der Dialog

Aus eben diesen Gründen weisen wir Anarchisten die Politik zurück. Wir glauben nicht, dass der Dialog zwischen den Interessen von Unterdrückten und Unterdrückern möglich ist, ebensowenig wie wir glauben, dass dieser überhaupt existieren sollte. Zwischen denjenigen, die die Freiheit wollen, und denjenigen, die sie im Namen von höheren Interessen negieren wollen, kann es nichts gemeinsames geben.
Wenn wir eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und ohne Autoritäten erreichen wollen, können wir dies nur durch den kompromisslosen Ausdruck dieser Interessensgegensätze zwischen ihren Teilen erreichen, und somit durch einen Konflikt, der sich entweder im Erreichen der Freiheit oder in der Fortführung der Ausbeutung auflösen kann. Aus diesem Grund können wir mit unseren Ausbeutern und Unterdrückern weder Dialog noch Kompromisse akzeptieren, aus diesem Grund befinden wir uns im Krieg mit ihnen, bis sie nicht mehr existieren.
Diejenigen hingegen, die behaupten, dass ein Dialog möglich sei (auch wenn sie in gutem Glauben denken, dies könnte die Sache der Freiheit voranbringen), schläfern diese Konflikte ein und tun nichts anderes, als zur Aufrechterhaltung des aktuellen Status Quo und zur Reproduktion der aktuellen Bedingungen der Ausbeutung beizutragen.


 

Unruhenachrichten

Psychisch krank?

Da es gerade überall in den Zeitungen steht: Kneubühl wurde wie bekannt für psychisch krank erklärt, weil er „sich im Krieg mit Justiz und Polizei wähne“. Diese Gesellschaft macht es sich einfach: jeder, der sich nicht einfach so fügt, sondern zur Tat schreitet, und die Polizei, die in Kneubühl´s Fall gar nicht offensichtlicher als Feind hätte auftreten können, angreift, ja, sich sogar bloss verteidigt, wird für krank erklärt. Das ist praktisch. Erstens kann man die Leute dann in die Psychiatrie sperren (wo es keine Zeitbeschränkung der Strafe gibt – es ist ja eine „Heilung“), mit Drogen vollpumpen, etc. – und zweitens ihre Aussagen und Taten lächerlich machen, und mundtot… Dies ist eine gängige Praxis und wurde z.B. auch bei dem Anarchisten Marco Camenisch – den man am liebsten für ewig einsperren will – versucht…
Krank ist allerdings nur diese Gesellschaft, die kuscht und glaubt, die Regierung und die Polizei wären unsere Freunde…

Cobra in Flammen

Wer die arroganten Billetkontrolleure verachtet, die es zu ihrem Beruf machten, Leute zu kontrollieren und ihnen den Tag zu vermiesen; wer Wut im Bauch verspürt, wenn sie mal wieder gemeinsam mit den Bullen ganze Tramstationen militärisch abriegeln; wer gesehen hat, wie sie Leute, die nicht nur kein Geld für Billete, sondern auch keine Identitätspapiere haben, an die Bullen ausliefern, und somit oft zu monatelanger Gefängnishaft und Ausschaffung; oder wer sich auch schlicht über die immer teureren Billetpreise aufregt; – der hat sich vielleicht gefreut, als er am
2. Januar die Zeitung las, und kann vielleicht seine eigenen Gründe darin finden, wieso jemand vor dem Tramdepot beim Escherwyss-Platz ein Feuer gelegt haben mag, das in der Nacht 3 VBZ-Autos und ein Tram verwüstete. Wir jedenfalls trauern nicht um die „Unglücks-Cobra“ und um die anderen Fahrzeuge, die durch dieses Feuer unbrauchbar gemacht wurden…

Trauer und Wut

Am 5. Januar 2013 wurde im Zürcher Kasernegefängnis ein 20-jähriger Kurde tot in seiner Zelle aufgefunden. Er hat sich erhängt. Nur wenige Tage zuvor wurde er bei einer Kontrolle auf der Strasse verhaftet, da er keine Identitätspapiere hatte. Eine jener Kontrollen, an denen wir so oft vorbeispazieren, ohne uns gegen diesen gewaltsamen Übergriff auf unsere Leben aufzulehnen. Eine Kontrolle, die für diesen jungen Mann Konsequenzen bedeutete, die ihm grausamer schienen als der selbstgewählte Tod. Er sollte ausgeschafft werden, zurück dahin, von wo er, wahrscheinlich unter grössten Anstrengungen und Risiken, geflüchtet ist…
Ein weiterer Mensch, kaum erwachsen, zermalmt vom Räderwerk dieser erdrückenden Gesellschaft, ihren Gesetzen und Autoritäten. Ein weiterer Mensch, den das Zürcher Kasernegefängnis in den Selbstmord trieb, das in seinen Zellen schon so viele Menschen begrub. Ein paar Zeilen in den Zeitungen, einige bürokratische Unannehmlichkeiten und der „Fall“ ist wieder vergessen?…
Nein, nicht für uns! Die Nachricht über den Tod dieses jungen Mannes erfüllt uns mit Trauer und Wut! Und diese Trauer und Wut verfestigen nur unsere Entschlossenheit, mit aller Kraft dafür zu kämpfen, dieser Welt der Gefängnisse, Polizisten und Autoritäten ein Ende zu setzen!

Eine solidarische Revolte

Ein Leben zusammengepfercht in einer überwachten Barracke, die behelfsmässig als Unterkunft dient. Ein Alltag aus Warten, Langeweile, Kontrollen und Demütigungen. Der Freiheit beraubt, sich zu bewegen, wie man will, und selbstständig über das eigene Leben zu entscheiden. Eingesperrt in einer gefängnisgleichen Einrichtung, aufgrund der blossen Tatsache, keine gültigen Papiere zu besitzen. Dies ist die Realität für viele Migranten in unzähligen offenen und geschlossenen Asylzentren in der Schweiz. So auch für jene, die in dem Empfangs- und Verfahrenszentrum in Altstätten (SG) eingesperrt sind.
Am Abend des 10. Januar kamen zwei Tunesier zu spät in das Zentrum zurück, worauf sie, unter dem Vorwand, neue Schuhe zu tragen, vom internen Sicherheitspersonal einer Leibesvisitation unterzogen wurden. Eine Demütigung, die hätte ablaufen können, wie so oft: man lässt sie über sich ergehen, um grössere Probleme zu vermeiden. Doch die Verletzung der eigenen Würde erreicht bei allen irgendwann einen Punkt, an dem sie überläuft und revoltiert. Etwa ein dutzend Eingesperrte, die nicht einfach hinnehmen wollten, wie ihr Kamerade behandelt wird, solidarisierten sich mit ihm und begannen, einen Aufruhr anzuzetteln. Sie holten Stühle aus einem nahen Raum und zertrümmerten diese, während sie versuchten, die Sicherheitsscheiben zwischen der Kontrollschleuse und den Innenräumen einzuschlagen. Daraufhin zogen sie sich gemeinsam in den Schlafraum zurück, wo sie sich verbarrikadierten bis schliesslich eine Sondereinheit der Polizei intervenierte, um sie herauszuholen und zu verhaften. Die elf Beteiligten wurden in einem Schnellverfahren verurteilt.
Wir erkennen uns in ihrer Revolte wieder, wie in jeder Revolte gegen die Einsperrung, die Kontrollen und die Autoritäten. Möge die Verbreitung solcher Gesten eines Tages zur Zerstörung der Ausschaffungsknäste und der ganzen Maschinerie der Migrationsverwaltung führen – um endlich in einer Welt ohne Staaten und Grenzen zu leben, in der jeder frei ist, sich zu bewegen, wie er will.

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