Nummer 2 – Dezember 2012

aufruhr 2


AUFRUHR
Nummer 2, Jahr I

Anarchistisches Blatt
Erscheint jeden Monat
Zürich, Dezember 2012


Inhalt:

Die Welt verändern
Demokratische Selbstunterdrückung
PJZ Niemals!
Sabotieren wir die Verantwortlichen!
Unruhenachrichten


Als PDF-Datei.


 


Die Welt verändern

Wir wollen uns nicht mit dem blossen Überleben zufrieden geben, in einer Welt, die unseren Bedürfnissen und Wünschen nicht entspricht. Was wir wollen, ist eine Freiheit ohne Kompromisse und ohne Vermittlung, eine Freiheit, die wir in einer Gesellschaft, die auf Ausbeutung basiert, nicht finden können, einer Gesellschaft wie diejenige, in der wir leben. Eine Gesellschaft, in der die freie Entwicklung der Individuen, ihre freie Übereinkunft und der freie Ausdruck ihrer Verlangen nicht möglich ist.
Aus eben diesen Gründen drängt uns unsere unaufschiebbare Suche nach Freiheit die Frage nach der Veränderung der Welt, die uns umgibt, auf.

Über die Kritik an der Gesellschaft…

Die Gesellschaft, in der wir Leben, setzt sich hauptsächlich aus institutionalisierten Beziehungen zwischen Individuen und zwischen Gruppen von Individuen zusammen, das heisst, Beziehungen, welche von einem Set von Normen reguliert werden, welche für alle Individuen gelten sollen. Diese Beziehungen werden von Personen, Strukturen und Traditionen aufrechterhalten und reproduziert. Einige Beispiele für solche institutionalisierte Beziehungen sind: die Familie (die Institutionalisierung einer Liebesbeziehung zwischen zwei Individuen und der Verhältnisse mit ihrer Verwandtschaft), die Arbeit (die Institutionalisierung der menschlichen Aktivität, in welcher ein Teil der Gesellschaft ausgebeutet wird, damit er den Reichtum für einige wenige Individuen produziert), die Geschlechterrollen (die  Institutionalisierung des Mann-Frau Verhältnisses durch die Erschaffung der Rollen), die Hierarchie (die Institutionalisierung des Entscheidungsprozesses zum Vorteil einer Minderheit), das Privateigentum (die Institutionalisierung des Besitzverhältnisses zum Vorteil einer besitzenden Minderheit), die Autorität…
Diese Beziehungen definieren unsere Position und unsere Rolle im Innern der Gesellschaft. Was wir Anarchisten an der Gesellschaft kritisieren, ist genau diese Institutionalisierung der Beziehungen, die die Grundlage dafür schafft, dass ein Teil der Gesellschaft durch eine Minderheit ausgebeutet wird, und die die Individuen daran hindert, sich selbst frei zu definieren, die eigene Beziehung zu Anderen ausgehend von einer Grundlage der Gleichheit zu definieren und, schlussendlich, über das eigene Leben zu entscheiden.

…und ihre Mängel

Diese institutionalisierten Beziehungen sind nicht die einfache, von selbst entstehende Konsequenz aus den Beziehungen zwischen Individuen, die in jeder Gesellschaft existieren, sondern die Konsequenz einer Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Autorität basiert und dazu neigt, die Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern zu vereinheitlichen und zu normalisieren, um sie besser kontrollieren zu können und ihr eigenes Funktionieren und Fortbestehen zu sichern.
Aus diesem Grund gibt es in dieser Gesellschaft Institutionen, die dazu dienen, die Reproduktion dieser institutionalisierten sozialen Beziehungen zu garantieren. Schule, Polizei, Arbeit… Institutionen, die fern davon, abstrakt zu sein, aus realen Strukturen und Personen bestehen.
Um die Gesellschaft zu verändern, kann die Kritik der institutionalisierten Beziehungen ein erster Schritt sein, aber nicht genügen. Bloss zu sagen, was falsch ist, hat noch nie etwas verändert. Zu versuchen, die Beziehungen mit Anderen auf einer individuellen Ebene zu ändern, ist sicher eine Möglichkeit, aber für uns ist auch diese Möglichkeit zu beschränkt. Im Grunde ist das, was wir verändern wollen, die Gesellschaft, und auch wenn wir verändern können, was direkt um uns herum ist, werden diese Veränderungen – solange eine gesellschaftliche Struktur existiert, die die bestehenden Beziehungen reproduziert und aufrechterhält – nicht fähig sein, über diese Gesellschaft hinauszugehen.

Vom Angriff…

Die Rolle der Institutionen in der Aufrechterhaltung und Fortbestehen der bestehenden Beziehungen bringt uns zur Frage des Angriffs auf die Strukturen. Wenn wir diese Gesellschaft verändern wollen, wird das Angreifen und Zerstören der Strukturen zur Notwendigkeit, um etwas Neuem und Anderem Platz zu machen. Es ist kein Zufall, dass in allen Revolutionen und Aufständen etwas vom ersten, das angegriffen wird, die Strukturen sind (Regierungsgebäude, Bullenposten, Militäranlagen, Kirchen, Gefängnisse, Schulen, Fabriken…). Das Angreifen dieser Strukturen hat auch einen direkten Einfluss auf die Beziehungen zwischen den Individuen.
Der Angriff auf eine Struktur der Macht, also eine Unterbrechung des normalen Funktionierens der Gesschaft, kann zu einem Ausgangspunkt für die Subversion der sozialen Beziehungen, für die Veränderung der Gesellschaft werden.

…zur sozialen Revolution

Eine Revolution ist ein Moment, in dem der Angriff auf die Strukturen der alten Gesellschaft verallgemeinert wird, was eine Situation der gewaltsamen Umwälzung der Gesellschaft, ihrer Regeln und der Beziehungen zwischen den Individuen kreiert, und die konkrete Veränderung dieser Beziehungen ermöglicht, frei von den alten Strukturen. In solchen Momenten des Chaos wird es wichtig, neue Beziehungen zu erschaffen, auf eine Art und Weise, dass die alten Strukturen sich nicht wiederaufbauen können.


 

Demokratische Selbstunterdrückung

Viele, die unzufrieden sind, denken, sie könnten durch mehr Mitbestimmung an dieser Gesellschaft irgendetwas Relevantes verändern. Dies ist auch das erste, was uns angeboten wird, falls unsere Unzufriedenheit bemerkt wird: Mehr Mitbestimmung. Beklag dich nicht, denn unsere Gesellschaft ist ja demokratisch. Du kannst eine Petition machen, wählen, in den Stadtrat gehen oder einen Verein gründen. Du kannst dieses oder jenes, Hauptsache du kommst nicht auf schlechte Ideen. Das ist ihre Pseudo-Selbstbestimmung.
Alle Entscheidungen, die uns zu machen erlaubt sind, messen sich daran, inwiefern sie mit dem Getriebe der Gesellschaft kompatibel sind. Die demokratische Mitbestimmung reduziert sich auf das Um-Erlaubnis-Bitten beim Volk; das immer über den Einzelnen steht. In der Demokratie sollen wir schlussendlich Entscheidungen ÜBER uns selbst treffen. Wir sollen uns selber unterdrücken und genau das ist auch das demokratische daran.
So verschwimmen die Fronten immer mehr. Es wird immer unklarer, wer Herr und wer Sklave ist, denn das Volk besorgt sich seine Unterdrückung selbst. Immer öfter‘s sind wir beides auf einmal, Unterdrückte und unsere eigenen Unterdrücker, das Unten und das Oben vermischt sich, und keiner kommt mehr draus.
Wenn wir dieses schizophrene Spiel nicht mehr länger mitmachen wollen, sollten wir endlich zur Klarheit gelangen, zur Klarheit, dass diese Gesellschaft in ihrer Gesamtheit auf unserer Unterdrückung basiert und uns deshalb feindlich ist. Sie ist esentiell mit der Verwirklichung des Staates verknüpft (und beschäftigt) und ihr Funktionieren setzt die Unterdrückung der Einzigartigkeit eines jeden Individuums voraus. In der heutigen Gesellschaft und ihrer Welt sind wir noch genauso versklavt, wie schon seit Jahrtausenden, auch wenn auf weniger offensichtliche Weise und auch wenn diese Sklaverei sich selbst gerade den Namen der Freiheit gibt.
Doch was ist das für eine Freiheit, die uns bloss erlaubt, unsere eigene Unterdrückung zu organisieren? Die uns dazu einlädt, uns anzustrengen, uns einzubringen, in den Institutionen, die doch genau das Problem sind.
Denn für uns bedeutet Freiheit nicht Mitbestimmung an dieser ganzen Scheisse, sondern Selbstbestimmung, nicht mitzubestimmen, wer gerade wen unterdrückt und wie, sondern keine Herrschaft mehr zu akzeptieren. Sie bedeutetet nicht Demokratie sondern Anarchie. Sie bedeutetet, von jeglicher Teilhabe am grossen, sadistischen Spiel des Unterdrückens zu desertieren und jenseits der Regeln dieser Gesellschaft zu leben; gegen sie. Versuchen, Beziehungen zu kreieren, Beziehungen die konträr zu den bestehenden gesellschaftlichen Beziehungen sind, die die Herrschaft verunmöglichen und unsere Freiheit ins Unendliche erweitern.
Diese Freiheit im Kampf zu erproben, ist der Anfang vom Ende des Staates, dieser Gesellschaft, ja, dieser ganzen Zivilisation. Der Anfang vom Ende von Allem, was auf unserer Unterwerfung basiert…


 

PJZ Niemals!

Alle wissen es mittlerweile. Zumindest alle, die sehrwohl wissen, was dies bedeutet, für sie und die Umgebung, in der sie leben: der Bau eines neuen Polizei und Justizzentrums (PJZ) in Zürich wurde nun endgültig entschieden. Ein massives Monument der Kontrolle und Bestrafung, das in Zukunft anstelle des alten Güterbahnhofs über Aussersihl thronen soll. Ein riesiger Komplex aus Glas und Beton, der unter anderem 300 Gefängnisplätze, etwa 30 Kommissariate, eine Polizeischule und verschiedene Strafverfolgungsbehörden in sich zusammenfassen soll. Der Zweck ist offensichtlich: die Effizienz der Polizeiarbeit zu erhöhen. In einer Gegend, die heute schon quasi militarisiert ist, sollen die Patrouillen der Polizei, die Überwachung unserer Bewegungen, die Kontrollen und Erniedrigungen auf der Strasse und die Kapazitäten zur Inhaftierung weiter erhöht werden…

Wenn wir mit dieser Zeitung den Kampf gegen die Unterdrückung vorantreiben wollen, sprechen wir nicht von etwas abstraktem, etwas ungreifbarem, sondern von konkreten Strukturen und Personen, die diese Unterdrückung alltäglich reproduzieren. Das PJZ ist eine solche Struktur, eine, die in ihrer Funktion nicht offensichtlicher sein könnte, eine Struktur, die auf bedeutende Weise unsere alltägliche Realität verändern wird. Selbstverständlich, als Anarchisten wollen wir jegliche Form von Unterdrückung, die Autorität und den Staat in ihrer Gesamtheit zerstören, aber wo soll dieser Kampf beginnen, wenn nicht gegen die konkreten Realisierungen in unserem alltäglichen Leben? Und wenn wir, als Anarchisten, unsere eigenen Gründe haben, dieses Projekt eines neuen Polizei- und Justizzentrums zu bekämpfen, nämlich eine Kritik an Gefängnissen, Gesetzen und Autoritäten an sich, so sind wir überzeugt, dass es auch andere gibt, denen das PJZ nicht passt, denen die Polizei und die Justiz nicht passen, und die sich diesem Projekt aus ihren eigenen Gründen entgegenstellen wollen. Und dies ist auch der Grund für diesen Artikel. Nicht, um uns zu beklagen und unsere blosse Ablehnung zu verkünden, sondern um die Möglichkeit zu bekräftigen, uns auf der Grundlage von Selbstorganisation und Revolte, in einem gemeinsamen Kampf gegen das PJZ zu begegnen, zu inspirieren und zu ermutigen; die Möglichkeit, dieses Projekt des Staates tatsächlich anzugreifen und zu verhindern; die Möglichkeit, unsere Leben in die eigenen Hände zu nehmen, und uns mit unseren eigenen Händen, ohne die heuchlerischen Politiker und Verhandlungen, gegen das zu wehren, was uns unterdrückt.

Das PJZ im Kontext von Militarisierung und Aufwertung

Um die Bedeutung und Konsequenzen des neuen Polizei- und Justizzentrums zu verstehen, ist es wichtig, den Kontext zu verstehen, in den es sich einschreibt. Der Bau des PJZ ist kein isoliertes Projekt, sondern Teil eines Prozesses, der schon seit langem in Gange ist, und der dabei ist, diese ganze Stadt und insbesondere das Langstrassenquartier umzuwandeln und nach den Vorstellungen der Reichen und Regierenden zu gestalten. Dieser Prozess hat sich besonders seit den 90er Jahren immer mehr verstärkt. Damals wurde mit dem Argument, die offene Drogenszene zu bekämpfen, die für schlechte Schlagzeilen sorgte, jene Lösung vorgeschlagen, die diese Gesellschaft immer vorschlägt, wenn es darum geht, Probleme zu bekämpfen, die sie selbst hervorgerufen hat: mehr Kontrolle, mehr Repression! So wurden beispielsweise die Fuss- und Autopatrouillen der Polizei vermehrt, Bullenhandlanger wie die SIP (Sicherheit, Intervention, Prävention) eingeführt und ein provisorisches Kontainergefängnis auf der Kasernenwiese errichtet, das bis heute weiter genutzt wird (allgemein berüchtigt dafür, bereits dutzende Häftlinge in den Selbstmord getrieben zu haben). Projekte wie „Langstrasse PLUS“ sollten in diesem Quartier, in dem sich schon immer die ärmeren und rebellischeren Bevölkerungsschichten konzentrierten, und das schon immer ein Dorn im Auge der Stadtverwaltung war, für eine „Verbesserung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit“ sorgen und diesem zentral gelegenen Quartier allmählich einen saubereren, gewinnbringenderen, störungsfreieren und kontrollierteren Charakter geben. Während die Polizei dafür sorgt, dass die störenden und rebellischen Personen von den Strassen vertrieben werden, werden mit Neubauten, Sanierungen und steigenden Mieten die Ärmeren immer mehr aus ihren Wohnungen vertrieben, um den Reicheren Platz zu machen. „Militarisierung“ und „Aufwertung“ gehen also schon immer Hand in Hand.
Der Bau des PJZ muss in diesem Kontext gesehen werden. Es wird nicht nur eine noch grössere Polizeipräsenz in unserem Alltag, mehr Kontrolle und Überwachung, mehr Gefängnisplätze und somit häufigere Haftstrafen mit sich bringen, sondern auch eine weitere „Säuberung“ und „Aufwertung“ des Quartiers. Unzählige Personen werden nach und nach von ihrem Wohnort vertrieben werden. So ist es beispielsweise kein Zufall, dass zeitgleich mit dem PJZ auch Projekte wie die Europaallee errichtet werden, die mit ihren Luxusgeschäftern und -Bars, Lofts und Büros eine reichere und gewinnbringendere Bevölkerungsschicht in dieses Quartier einführen soll.
Für jene, die von diesen Prozessen betroffen sind und sein werden, gibt es also mehr als genug Gründe, sich mit allen Kräften dem Bau des PJZ entgegenzustellen.

Gegen die Einsperrung, gegen eure Sicherheit

Wir kämpfen für eine Welt, in der jedes Individuum seine vollständige Freiheit geniessen kann, und haben somit eine grundsätzliche Kritik an allen Formen der Einsperrung und der Autorität. Einen Menschen einzusperren, ihn im höchsten Masse seiner Freiheit zu berauben, empfinden wir als die grösste Gewalttat, die einem Menschen angetan werden kann.
Der Bau des PJZ, gemeinsam mit den diversen anderen Gefängnissen und Ausschaffungszentren, die zurzeit in verschiedenen Kantonen geplant sind, soll die Kapazität zum Einsperren in der Schweiz erhöhen. In einem Moment, in dem die bestehenden Gefängnisse überfüllt sind, und wir mit einer steigenden Verarmung und Präkarisierung unserer Leben konfrontiert sind, fürchten die Regierenden, dass mehr Menschen den Mut fassen könnten, ihr Elend nicht mehr einfach zu akzeptieren, und sich Wege des Überlebens ausserhalb der Gesetzlichkeit zu suchen.
So wird die Notwendigkeit des PJZ auch hauptsächlich mit dem üblichen Gerede über den Bedarf an mehr Sicherheit gerechtfertigt. Aber, um aus einem Plakat gegen das PJZ zu zitieren, das seit fast einem Jahr auf den Mauern von Zürich verbreitet wurde, „um wessen Sicherheit geht es hier? Wer hat schliesslich Interesse daran, Menschen wegzusperren, die dem reibungslosen Funktionieren dieser Gesellschaft schaden? Bestimmt jene, die von der Wirtschaft profitieren, und nicht jene, deren Arbeitskraft von ihr ausgenutzt wird. Bestimmt die Reichen und Regierenden und nicht die Armen und Regierten! Im Grunde geht es hier um die Sicherheit unserer Unterdrücker, die ganz Recht haben, sich vor den Diebstählen jener zu fürchten, die sie in die Armut trieben, sich vor der Wut jener zu fürchten, die von ihnen täglich ausgebeutet und erniedrigt werden, sich vor den Revolten jener zu fürchten, deren Freiheit sie rauben und die sich heute von den Aufständen in Griechenland und Nordafrika ermutigen lassen. Und um diese Sicherheit, um die Sicherheit unserer Unterdrücker, scheren wir uns einen Dreck!“

Von der verstreuten Revolte zum Aufstand

Wenn wir den Bau des PJZ wirklich verhindern wollen, sollten wir die Illusionen der Politik endgültig verlassen, die uns nur in die staatliche Verwaltung der Unzufriedenheiten und Konflikte verwickeln, und die stets darauf abzielen, diesen Konflikt in Bürokratie und sinnlosen Verhandlungen zu ersticken. Wieso sollten wir von den Autoritäten, vom Staat und seinen Politikern etwas fordern, während sie doch jene sind, die solche Projekte gegen uns realisieren? Wir brauchen weder Petitionen, noch Parteien, und auch keine repräsentativen Organisationen. Wir wollen auf unserer eigenen Kraft als Individuen, auf der Selbstorganisation und auf unserer Fähigkeit zur Rebellion aufbauen.
Wenn wir also direkt und selbstorganisiert gegen den Bau des PJZ intervenieren wollen, dann müssen wir verstehen, wer dafür Verantwortlich ist und wo diese Verantwortlichkeiten angegriffen werden können. Das Projekt des PJZ realisiert sich nicht nur dort, wo bald dessen Baustelle sein wird (der  alte Güterbahnhof soll im Frühling 2013 abgrissen werden, um 2014 mit dem Bau zu beginnen), sondern wird auch mithilfe von diversen Personen und Institutionen realisiert, die sich für das PJZ einsetzen, sich an ihm beteiligen und von ihm profitieren. Von den Politikern, die seinen Weg bereitet haben, über die SBB, die das Gelände dafür verkaufte (genauso übrigens wie jenes der Europaallee), und die sowieso bei vielen dreckigen Geschäften kollaboriert (Gefangenentransporte, Ausschaffungen, Denunziation von Sans-Papiers an die Polizei durch Kontrolleure, etc.), bis hin zu den Architekten (Theo Hotz AG) und den Unternehmen, die sich um den Abriss des alten Güterbahnhofs und den Bau des PJZ kümmern werden. Sie alle entscheiden sich, ihren eigenen Profit aus der Unterdrückung unserer Leben zu schöpfen. Sie alle sind, trotz dem demokratischen Schleier der Verantwortungslosigkeit und trotz dem heuchlerischen „Ich tue nur meinen Job“, Unterdrücker und Ausbeuter! Und eben gegen solche richtet sich unsere Revolte. Wenn wir die Realisierung des PJZ verhindern wollen, müssen wir diesen Schleier der Verantwortungslosigkeit herunterreissen, und aufzeigen, dass diese Handlanger, die alle einen Namen, ein Gesicht und eine Adresse haben, angreifbar sind. Was wir also vorschlagen, ist nichts anderes, als das, was schon seit jeher die Waffe der Unterdrückten ist: die Verbreitung der Sabotage und der direkten Aktion.
Und wenn, wie die Hüter dieser tristen Ordnung selber sagen, ein Grund für die Notwendigkeit des PJZ darin besteht, dass die Polizei, mit ihren momentanen Kapazitäten, nicht imstande wäre, eine „Krisensituation“ zu handhaben, dann lasst uns lieber eifrig dazu beitragen, eine solche Situation herbeizuführen: eine verbreitete und unkontrollierbare soziale Revolte, die gegen diese Struktur der Unterdrückung in Aufstand tritt.


 

Sabotieren wir die Verantwortlichen!

Einige kleine Aktionen, die sich im letzten Jahr um das PJZ ereigneten:

4. August 2011: Unter der Europabrücke brennen zwei Busse der SBB nieder. In einer aufgetauchten Meldung wird daran erinnert, dass „sich SBB an Ausschaffungen und Gefangenentransporten im Allgemeinen beteiligt“ und „ausserdem wahrscheinlich bald ihr Gelände beim Güterbahnhof an den Bau eines neuen Polizei und Justizzentrum (PJZ) verkaufen wird.“
11. April 2012: 6 Fahrzeuge der SBB verlieren über Nacht die Luft aus ihren Pneus. Auf den Autos wurden mit einem Stift Nachrichten hinterlassen: “Die SBB beteiligt sich am Bau des PJZ”, “Gegen Ausschaffungen und Knäste” und “PJZ Niemals”.
20. Juli 2012: Die für das PJZ zuständigen Sicherheitsplaner Amstein & Walthert in Örlikon und die zuständigen Architekten Theo Hotz AG im Seefeld werden mit Sprayereien versehen. Auf den Mauern ist zu lesen: “Bullenhandlanger! Knastbauer! Freiheitstöter!”, “A&W beteiligt sich am Bau des PJZ”, “PJZ niemals!”.
27. Oktober 2012: Bei Protesten gegen die Quartieraufwertung, die vor dem alten Güterbahnhof begannen, kommt es zu Konfrontationen mit der Polizei. Am nächsten Morgen findet die SBB etwa 10 ihrer vor dem Güterbahnhof parkierten Autos mit plattgestochenen Reifen wieder, während das Gebäude selbst mit Sprayereien gegen das PJZ versehen wurde.


 

Unruhenachrichten

Ägypten: Einmal die Freiheit gekostet…

Wie die jüngsten Ereignisse beweisen, geben sich die Revoltierenden in Ägypten keineswegs mit einer blossen Veränderung des Gesichts der Unterdrückung zufrieden. Einmal die Freiheit gekostet, die Möglichkeit, mit der Unterwerfung zu brechen und gegen die Autoritäten in Aufstand zu treten, machen sich viele keine Illusionen mehr über irgendeine Änderung des Regimes. Mit den Worten „Weder Verordnung, noch Verfassung, das ganze Regime soll verschwinden“ gingen in den letzten Wochen Tausende auf die Strassen und konfrontierten sich erneut mit den Ordnungskräften. Die Konfrontationen begannen in einer Strasse, die auch „Strasse der Augen der Freiheit“ genannt wird, um an die 40 Personen zu erinnern, die dort vor einem Jahr im Kampf gegen die Armee ihr Leben liessen. Die Konfrontationen dauerten mehrere Tage an, während beim Tahrir Platz die Büros von Al-Jazeera angegriffen wurden und in ganz Ägypten insgesamt 28 Büros der Moslembrüder verwüstet wurden, sie, die danach streben, die neue Regierungsmacht an sich zu reissen. In Alexandria waren es einige Anarchisten, die daran dachten, eine Leiter mitzubringen, um in die Büros im zweiten Stock zu gelangen, und während die Räume verwüstet wurden und die Dokumente aus den Fenstern flogen, kann man eine anarchistische Fahne auf dem Balkon wehen sehen.
Die Konfrontationen mit den Moslembrüdern, die sich gegenwärtig in Ägypten ereignen, überraschen uns nicht. Seit dem Fall des Diktators Mubarak hat sich das bewegte soziale Klima in Ägypten im Grunde nie beruhigt. Von Protesten und Konfrontationen gegen die Macht (die Armee oder die Moslembrüder), bis zu zahlreichen wilden Streiks der Ausgebeuteten (nicht von Gewerkschaften aufgerufen, sondern von den Arbeitern selbst entschieden, die sich selbstorganisieren), Proteste und Angriffe von Bewohnern, die von der Armee aus ihren Häusern geräumt wurden, um grosse Immobilienprojekte  für Reiche zu  realisieren, die Verwüstung des syrischen Konsulats in Kairo in Solidarität mit der dort laufenden Revolution, die revolutionären Sprayereien überall, Demonstrationen gegen das Patriarchat, das in der ägyptischen Gesellschaft eine sehr bedeutende Macht bleibt, etc…

Zur Zeit, da wir diese Ausgabe des Aufruhrs abschliessen, nehmen die aktuellen Ereignisse noch immer ihren Lauf. Wünschen wir also den Revoltierenden Mut und zeigen wir ihnen Solidarität, indem wir darüber nachdenken, wie wir auch hier in der Schweiz, die Weigerung, uns zu unterwerfen, und unser Verlangen nach Freiheit auf die Strasse tragen können…

 

 

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