Nummer 7 – Mai 2013

aufruhr 7


AUFRUHR
Nummer 7, Jahr I

Anarchistisches Blatt
Erscheint jeden Monat
Zürich, Mai 2013


Inhalt:

Mein Irrealismus
Der Ausbruch ist notwendig
Wir sind keine Sklaven
Operation Asche
Demokratie (Teil 1)
Unruhenachrichten
Zitate


Als PDF-Datei.


 

Mein Irrealismus

«Es ist ja schön und gut, was ihr wollt, eine Welt ohne Unterdrückung und ohne Ausbeutung, in der alle Menschen frei sind, aber das ist einfach unrealistisch. Wenn man etwas verändern will, dann muss man realistisch sein und für kleine Schritte kämpfen. »   Eine Phrase, die wir als Anarchisten oft zu hören bekommen… Die Aufforderung, im Namen des Realismus die eigenen ungehemmten Freiheitsträume zu begraben und für kleine Ausbesserungen dieser Gesellschaft zu kämpfen – dieser Gesellschaft, die doch in ihrer Grundlage selbst, nämlich dem Prinzip von Autorität und Eigentum, die Möglichkeit einer Freiheit und eines Wohlstands für alle negiert. Der Vorwurf, die Idee der Anarchie sei zwar ein schönes Ideal, aber unrealistisch, kommt, in meinen Augen, allzu oft von Menschen, die bereits resignierten, und die diese Resignation dadurch zu rechtfertigen versuchen, dass sie andere überzeugen wollen, ebenfalls zu resignieren. Wie viele haben nicht, im Namen eines „Realistisch-Seins“, eines „Vernünftig-Werdens“, ihre einstige Rebellion gegen diese Gesellschaft, ihr unberechnetes Verlangen nach Freiheit aufgegeben, um sich den Spielregeln dieser Realität zu fügen? Wie oft haben wir gesehen, wie der Realismus einem Possibilismus entsprach, das heisst, wie man begann, nur noch das zu wollen, was möglich scheint, anstatt zu versuchen, das zu ermöglichen, was man will?
Ich frage mich: kann jemand, der etwas ganz anderes will, als diese Realität, die uns gegenwärtig umgibt, kann jemand, der eine tiefgreifende soziale Revolution dieser Realität will, können wir, als Anarchisten, wirklich im strengen Sinne realistisch sein?
Wir können kein Modell der Anarchie aufzeichnen, um zu beweisen, dass sie möglich ist. Wir können kein Programm darlegen, um zu beweisen, dass sie erreichbar ist. Wir können nicht auf eine Zeit oder einen Ort zeigen, und sagen: hier, schaut, da wurde realisiert, was wir wollen. Eine menschliche Gesellschaft, welche die Beseitigung von jeglicher Form von Autorität und Eigentum realisierte, hat es, zumindest in der jüngeren Geschichte, soviel mir bekannt ist, noch nie gegeben. Jeder Versuch in diese Richtung, von den Sklavenaufständen der Antike über die Bauernaufstände des Mittelalters bis zu den Arbeiteraufständen der industrialisierten Gesellschaft, ist früher oder später auf die blutige Repression von Seiten jener gestossen, die dadurch ihre Privilegien von Macht und Reichtum verlieren würden. Und dennoch ist es das, und nichts Geringeres, was wir wollen, und einzig darin sehen wir die Möglichkeit einer wirklichen Freiheit für alle. Es ist das, und nichts Geringeres, es ist die Zerstörung des Prinzips von Autorität und Eigentum bis auf seine Grundfesten, was wir für Notwendig halten, um endlich in einer Gesellschaft zu leben, die keine Unterteilung in Herrschende und Unterdrückte, Ausbeuter und Ausgebeutete, Besitzende und Besitzlose mehr kennt – und, egal wie fern das scheinen mag, dieser Idee werden wir im Namen keines Realismus entsagen.
Wenn ich sagte, dass die Freiheit, im anarchistischen Sinne verstanden, noch nie und nirgendwo realisiert wurde, so bedeutet das nicht, dass der Geschmack von ihr den Menschen vorenthalten blieb. Im Gegenteil. Unzählige Menschen haben sie gekostet, in unzähligen individuellen und kollektiven Revolten, Insurrektionen und Revolutionen, die, von den Ursprüngen des Staates bis heute, unter diesem universellen Schrei nach Freiheit, die Geschichte der Menschheit durchpflügten. Und es sind diese Erfahrungen, die, durch Überlieferung und durch eigenes Erleben, unser Vorstellungsvermögen von dieser ganz anderen Möglichkeit anwachsen lassen. Darum ist die Vorstellbarkeit dieses völlig Anderen, dieses geradezu unrealistischen, das die Freiheit ist, in einer Welt, die ihr in allen Aspekten entgegenwirkt, unmittelbar an den Ausbruch und an die Revolte gebunden. Solange wir im Alltag der herrschenden Realität gefangen bleiben, können wir uns auch nichts anderes als diese Realität vorstellen, einschliesslich ihrer mehr oder weniger radikalen Modifikationen. Um Platz für die Vorstellung und Realisieren eines neuen Lebens in Freiheit zu finden, müssen darum die Institutionen zerstört und die Menschen bekämpft werden, welche diese Realität der Unterwerfung und Ausbeutung kreieren und reproduzieren.
Der oben genannte Vorwurf enthält, wenn ihr mich fragt, durchaus auch ein Stückchen Wahrheit. In der Tat ist das, was wir wollen, eben weil es jenseits des Horizonts dieser Realität liegt, eben weil es etwas ist, das innerhalb der gegenwärtigen Realität keinen Platz hat und nicht vorstellbar ist, etwas unrealistisches. Aber anstatt dies als Grund zu betrachten, um mein Verlangen nach Freiheit zu stutzen oder zu begraben, und für kleine Schritte zu kämpfen, will ich lieber den Irrealismus meiner Verlangen bekräftigen, und ohne Kompromisse für meinen Freiheitstraum kämpfen. Denn, wenn wir immer nur von dieser Realität ausgehen, von den uns umgebenden Bedingungen und den Bedürfnissen, die sie kreieren, werden wir nie über sie hinausgehen können und immer in ihr stecken bleiben.


 

Der Ausbruch ist notwendig

Sich in Form halten – Der Trott des Alltags ist eine sehr mächtige Waffe des Systems. Man krepiert bei der Arbeit, man krepiert beim Schlange Stehen vor den Behörden, man krepiert angesichts der Abwesenheit von wirklichen Beziehungen. Unser Gehirn verdirbt an Vorurteilen und falschen Werten wie Macht, Geld und Gehorsamkeit. Sich in Form halten, um fähig zu sein, diese Routine zu durchbrechen, seinen Geist trainieren, um selbst nachzudenken, bedeutet, die Feindseligkeiten gegen dieses System aufzunehmen, das uns gefangen hält.

Komplizen suchen – Niemand wird an unserer Stelle revoltieren, dies hängt gänzlich von uns selbst ab. Aber auf dem Weg der Revolte werden wir auch anderen Wütenden begegnen. Diese Komplizenschaften und diese Solidaritäten können immer breitere Angriffe gegen die Macht ermöglichen.

Die Gitterstäbe durchsägen – Die Macht hat Namen und Adressen: die Banken, die Supermärkte, die Institutionen, die Polizeiposten, die Warenlager; die Betreibungsbeamten, die Gefängniswärter, die Politiker, die Reichen, die Denunzianten; die Elektrotransformatoren, die ihre Todesfabriken versorgen, die Telekommunikationsantennen, die uns an die Technologie ketten. Das sind alles Ziele in Greifweite. Lasst uns nicht darauf warten, grosse Demonstrationen zu sehen, bevor wir unsere Wut entfesseln, lasst uns hier und jetzt angreifen, auch wenn wir wenige sind. Indem wir beginnen, die Gitterstäbe der Macht zu durchsägen, kann die Revolte bei anderen Rebellen auf Widerhall stossen und sich immer weiter ausbreiten.

Seine Flucht vorbereiten – Wenn die Macht nicht reformiert werden kann, wenn sie also von Grund auf zerstört werden muss, dann müssen unsere Waffen mit Freiheit geladen sein. Ohne zu wissen, wohin wir wollen, ohne über das Wieso nachzudenken, können wir nicht hoffen, aus der Welt des Geldes und der Autorität auszubrechen. Lasst uns die bösen Leidenschaften entfesseln, lasst uns keine Angst vor Ruinen haben, aber lasst uns auch wieder zu träumen beginnen. Denn demjenigen, der für seine Würde kämpft, für die Würde und die Freude, als freie Frauen und Männer zu leben, kann keine Macht standhalten.

 

[Übersetzung eines Plakates auf den Mauern von Brüssel]

 


[Der obenstehende Text wurde auch in der Belgischen anarchistischen Zeitung „Hors Service“ abgedruckt, und findet sich HIER auf Französisch und Niederländisch.]


 

Wir sind keine Sklaven

Wir sind keine Sklaven, wir sind Dynamit. So titelte ein Plakat, das vor einigen Jahren auf die Mauern gekleistert wurde, um zwei Anarchisten zu verteidigen, die nach einem Banküberfall verhaftet wurden.
Eine bedrohliche Phrase für die Mächtigen, aber lasst uns gut nachdenken. Denn sie sollte nicht umgedreht werden. Wir sind nicht Dynamit, weil wir Sklaven sind. Wir sind Dynamit, weil wir keine Sklaven sein werden, weil wir keine Sklaven sein wollen. Zwischen diesen beiden Aussagen gibt es eine ganze Welt des Unterschieds; eine Welt, welche die Anarchisten von allen anderen Strömungen unterscheidet, die behaupten, revolutionär zu sein.
Es ist nicht unsere Lebensbedingung, die Tatsache, Proletarier oder Arbeiter, Armer oder Papierloser zu sein, die uns zu Rebellen werden lässt. Es ist nicht die Verschlechterung der Überlebensbedingungen, der wir heute beiwohnen, über die wir uns Illusionen zu machen brauchen, um zu denken, dass alles hochgehen wird, weil alles immer schlechter wird. Das sind nur süsse Illusionen, die man den Revolutionären dosiert auftischt, um sie einzuschläfern.
Die Macht kettet den Menschen an die Rolle, die sie ihm in der Gesellschaft aufzwingt. Sie kreiert und reproduziert unablässig die Bedingungen dieser Rolle, um zu verhindern, dass sich der Sklave seiner Ketten entledigt. Aber damit es einen Kampf bis auf den Tod zwischen der Macht und dem Sklaven geben kann, ist es zuerst notwendig, dass sich der Sklave entscheidet.
Der Wille, dies ist, was den Unterschied zwischen dem Sklaven und dem Rebellen ausmacht. Der Wille, dagegen anzugehen, nicht zu akzeptieren, nicht zu erdulden, sich mit allem zu konfrontieren, was danach strebt, dich zu unterwerfen, dich zum Sklaven zu machen. Der Wille ist das, was die Macht niemals unter ihren Gefangenen wird vollständig auslöschen können, er ist das, wovor sie sich permanent fürchtet. Denn der Wille beweist uns auch, dass wir nicht zu warten brauchen, dass wir hier und jetzt agieren können. Dass die Entschlossenheit und die Entscheidung, wie minoritär sie auch seien, die Trägheit der Masse und der bestehenden sozialen Beziehungen überwiegen.
Lasst uns keine Angst vor unserem eigenen Willen haben. Wenn wir wollen, werden wir Dynamit sein, und die Gebäude der Macht werden zusammenfallen.
Die Geschichte ist nicht eine Abfolge von Ereignissen, die von einem allmächtigen Gesetz erzeugt wird. Die Geschichte wird geschaffen und neu geschaffen durch die Willen, die agieren.


[Der obenstehende Text ist eine Übersetzung aus der Belgischen anarchistischen Zeitung „Hors Service“, und findet sich HIER auf Französisch und Niederländisch.]


 

Operation Asche

Brüssel, 22. Mai: Sie kamen am frühen Morgen, brachen in 3 Wohnungen ein und durchwühlten die Zimmer. Sie entwendeten persönliche Materialien und entführten die 11 anwesenden Personen, um sie nach einigen Belästigungen wieder gehen zu lassen. Für Gewöhnlich organisieren sie sich, um Leute auf der Strasse anzuhalten, sie auseinanderzunehmen und zu erniedrigen. Sie überwachen die Menschen, fordern als Schutzgeld ihre Unterwerfung und drohen ihnen damit, sie in ein Loch zu sperren, falls sie ihren Kodex nicht schlucken und sich ihm nicht anpassen. Falls sich ihnen jemand widersetzt, zögern sie auch nicht, zum Schlagstock oder zur Schusswaffe zu greifen, um durch die Verbreitung von Angst, durch Terror, wie man sagen könnte, zu kontrollieren und zu beherrschen. Man nennt sie auch „Hüter des Friedens“. Ja, wir sprechen von der Polizei. Die Personen, deren Wohnungen sie, im Namen der Operation „Asche“, durchsuchten, sind einige anarchistische Kameraden. Die Anklage: „terroristische Organisation“, „kriminelle Vereinigung“ und „Brandstiftung“. Einmal mehr wollen sie durch die Verdrehung der Worte weismachen, dass nicht sie, sondern diejenigen, die für die Freiheit kämpfen, es sind, die es zu fürchten gilt, die „terroristisch“ sind. Die Anarchisten in Belgien führen seit Jahren einen Kampf gegen die Gefängnisse und diese Welt, die sich immer mehr nach ihrem Abbild gestaltet, sowie spezifisch in den letzten Jahren gegen den Bau eines neuen Ausschaffungsgefängnisses für rebellierende Migranten. In diesem Kampf, begleitend zu den zahlreichen Meutereien, die in den letzten Jahren die belgischen Gefängnisse aufwühlten, und an der Seite von allen, die gegen ihre Unterdrückung und Ausbeutung rebellieren, haben sie stets hartnäckig ihre Ideen auf der Strasse verbreitet und die Sabotage und die direkte Aktion als Mittel der Befreiung verteidigt. Hunderte verstreute und meist anonyme Angriffe trafen in diesen letzten Jahren die Verantwortlichkeiten der Gefängniswelt, der Ausschaffungsmaschinerie und diverser Institutionen der Kontrolle und Unterdrückung. Um mit den Worten unserer Kameraden zu enden: « Angesichts dieser Anschuldigungen von Terrorismus und ihrer ganzen Ladung von Einschüchterungen und Schikanierungen gilt es nicht, den Ideen und Praktiken zu entsagen, die auf die Zerstörung von jeglicher Autorität abzielen, und auch nicht, auf die Freude zu verzichten, die dieser Kampf mit sich bringt. Lasst uns den Kampf für die Freiheit weiterführen, gegen diese tödliche Welt, die unterdrückt und ausbeutet. »

 

 


 

Demokratie

(Teil 1)

Die Schweiz, das Land der Demokratie, der direkten, ja, der einzig wirklich direkten Demokratie. Wir alle wurden gezwungen, uns mit der Demokratie zu identifizieren, ihre Werte wurden uns reingewürgt bis zum geht-nicht-mehr und deshalb ist es an der Zeit, diesen höchsten aller Werte einmal gründlichst in den Dreck zu ziehen.

Das, was heute Demokratie genannt wird, lässt sich ungefähr so beschreiben: Alle Bürger eines Staates dürfen über bestimmte Angelegenheiten eines Staates entscheiden. Alle Bürger eines Staates (z.B. „die mündigen Schweizer“) können ihre Stimme abgeben zu gewissen Fragen wie der Staatsapparat genau herrschen soll, wer in ihm herrschen soll, et cetera. Die Mehrheit des Wählervolkes hat Recht, weil anscheinend die blosse Tatsache, dass mehr Leute für etwas sind, dieser Sache schon den Glanz der Richtigkeit verleiht. Die Wähler können natürlich nicht über alles abstimmen, zu grundlegende Dinge überlassen sie lieber irgendwelchen Berufspolitikern. Die Ausführung ihrer „Entscheidungen“ haben sie so oder so längst delegiert, was sie interessiert, ist eigentlich nur, ihren elenden Alltag bequem fortsetzen zu können. Für den Staat sind die Wahlen und ähnlicher Schwachsinn natürlich eine ganz praktische Sache, ungefähr wie bei einer Produktumfrage stellen sie sicher, dass die Wähler zufrieden sind, und wird daran abgemessen, wie weit man mit der Ausbeutung der Welt in Zukunft gehen kann. Demokratie ist heute der Name für das formelle Prozedere, zu der Scheisse, die hier läuft, auch noch die eigene Unterschrift zu geben, um weiter in Gleichgültigkeit dahinzuleben und sich niemals grundlegende Fragen zu stellen. Demokratisch nennt sich heute der Staat und diese Gesellschaft von Untertanen. Demokratie sei angeblich keine Unterdrückung, wird behauptet, und trotzdem sehen wir Staat, Ausbeutung, Armut, Gefängnisse, Überwachung und Polizei…

Wir scheissen auf die Demokratie!

Sobald wir das sagen, können wir sicher sein, dass sich irgendein Demokrat auf die Füsse getreten fühlt. Die kritischeren unter ihnen werden uns sagen: „klar, ihr habt ganz recht, zu sagen, dass der Staat schlecht ist. Aaaaber: das, was heute Demokratie genannt wird, ist gar keine, es ist eine Pseudo-Demokratie, es ist die Herrschaft einer Minderheit und nicht des ganzen Volkes, sie ist bestimmt vom Geld, was undemokratisch ist, und sowieso echte Demokratie wäre: bla, bla und bla…“
Wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben: sie haben recht, das System unter dem wir Leben, Demokratie zu nennen, gleicht – angesichts dem demokratischen Ideal – einem schlechten Witz. Es ist effektiv so, dass im grossen und ganzen eine Minderheit von Parlamentariern herrscht, die zudem noch ihre Macht hauptsächlich erkauft hat, und es stimmt auch, dass die Macht des Parlaments ein blosses Spektakel ist und schlussendlich die Wirtschaft und die Unterschiede zwischen arm und reich völlig ausgeblendet werden.
Darüber, ob die Demokratie hier nun verwirklicht sei oder nicht, wollen wir uns aber gar nicht streiten – das überlassen wir gerne den Demokraten, die dieses Land en masse bewohnen; wir wollen hier nur zeigen, wie die Idee der Demokratie, und sei sie direkt und „nicht-parlamentarisch“, der Freiheit entgegengestellt ist, und dass sie, wie das alle Systeme tun, einen immensen Schaden an der Realität ausübt, der sie aufgedrückt wird. Wir selbst haben kein Interesse daran, irgendeine Form von Demokratie zu verwirklichen, wir betrachten sie hier nur etwas genauer, weil sie des Öfteren Verwirrung stiftet; teils so stark, dass einige gar glauben, sie wäre ein Werkzeug zur Befreiung…

Das Volk herrscht…

Um demokratisch zu sein, muss erstmal eine Einheit definiert werden, die entscheidet. Genaugenommen müsste es „das Volk“ (griechisch: demos) sein (obwohl dieser Begriff alles andere als genau ist…), dass dann das Monopol zur Entscheidungsfindung bekommt. Um demokratisch zu sein, muss dieses Volk also zuerst mal den Willen haben, eine gemeinsame Entscheidung zu finden. Und hier ist es, wo die Demokratie herrscht, wo mit aller Autorität ein Volk produziert wird, wo alles integriert werden, jeder Widerspruch neutralisiert werden muss. Und dies trifft auch auf die radikalsten Demokraten zu – die sogar den parlamentarischen Staat kritisieren – nur, um das wesentliche des Status quo aufrecht zu erhalten; die verhindern wollen, dass irgendwo ein Konflikt auftaucht, der nicht gelöst, sondern nur gelebt werden kann, die den „Frieden“ aufrecht erhalten wollen, die Einheit, oder sie erst erreichen wollen; die nicht akzeptieren können, dass das Leben in Freiheit sich in verschiedenste Richtungen entwickelt und dass dies zu Widersprüchen führt; die nicht kapieren, dass das Leben in Kasten zu stecken, zu kontrollieren und zu halten, genau das ist, was das Problem ist.
Das Volk kann nun, ist es erst mal (re-)produziert, Entscheidungen finden, die es, bzw. das Exekutivorgan, dann durchsetzt. Diese Entscheidungen kann es auf verschiedene Arten finden, per Mehrheitsabstimmung, Zermürbungs-Diskussion bis zum absoluten Konsens oder sonstwie. Wie auch immer, in jeder demokratischen Form, auch in der „nicht-staatlichen“, muss sich eine Art Mini-Parlament entwickeln, das die Entscheidung verkündet und (re-)präsentiert. Eine Entscheidung, die sogar als permanenter verfassungsgebender Akt der Volks-Vollversammlung gedacht werden könnte, trotz allem müsste aber jede Abweichung von ihr denunziert und sanktioniert werden; ansonsten wäre „die Souveränität des Volkes“ nicht gegeben. Jedes Individuum und jede Gruppe aber, die selber eine Entscheidung trifft (die alle betrifft), sie selbstorganisiert ausführt und nicht auf eine Mehrheit (oder gar auf alle) abstützt, muss, streng demokratisch gedacht, auf die eine oder andere Weise neutralisiert werden, sei dies mit Gewalt, oder diffuser, psychologisch oder durch Integration.
Die jeweilige Einheit kann natürlich von Konflikten zerrissen sein und ist das heute auch offensichtlicher denn je, man betrachte z.B. nur einmal die komplett gegensätzlichen Interessen, die ein Bonze und ein Sozialhilfebezüger nur schon wegen ihrer finanziellen Situation haben müssen. All das wird in der Demokratie komplett ausgeblendet. Die demokratische Einheit – das Volk – ist schlichtweg Vereinheitlichung. Sie ist keine Vereinigung von Individuen um ihrer selbst Willen, sondern eine erzwungene Einheit, die etwas über den vereinigten Individuen ist und jede individuelle, unkontrollierte Initiative auslöscht. Wir aber wollen von den wirklich Handelnden ausgehen (und vor allem mit der heutigen Passivität brechen) und sagen deshalb, dass jede reale Vereinigung nur im Sich-vereinen der Individuen existiert, und ansonsten nur ein Herrschaftsverhältniss werden kann (die Einheit (Volk, Organisation) wird aufrechterhalten von einigen Leuten, die die anderen in diese Einheit integrieren, was heisst: einsperren, einzwängen, darin festhalten).

…und die Bürger

Was produziert werden muss, um eine Demokratie überhaupt am Laufen zu haben, ist ein braver (schweizer) Bürger. Er muss jede Entscheidung, jeden Kompromiss der demokratisch legitimiert wird, also gesetzeskräftig ist, akzeptieren. Er kann zwar gegen eine Entscheidung protestieren, da er sie z.B. als eine Privatsache ansieht, um darauf aufmerksam zu machen, dass es ein Problem gibt, das es zu lösen gilt; er kann einen Verein gründen, Politiker werden oder einer Partei beitreten; grundlegend darf er allerdings nichts daran ändern, dass über sein Leben entschieden wird, er sich zwar an dieser Entscheidung beteiligen kann und vor allem soll, er sich dieser dann aber zu fügen hat.
Eine öffentliche Versammlung (getrennt von allem, was zur Privatsache gemacht wird, was „nichts in der Öffentlichkeit verloren hat“) von solchen Bürgern soll also im Himmel der direktesten Demokratie herrschen, über alle, die keine Bürger sind, über alle in ihrer Andersheit. Denn, wie die Zivilisiertheit der Bürger dadurch zustande kommt, dass sie die unzivilisierten Teile ihrer Persönlichkeit verdrängen, so kommt die demokratische Ordnung dadurch zustande, dass die Konflikte verdrängt werden, dass alle zu Bürgern und einem „Teil des Volkes“ gemacht werden müssen, oder von jeder Entscheidung ausgeschlossen werden, als Pöbel, der nichts zu sagen hat, der in den Knast gesteckt werden muss, der beim grossen demokratischen Zirkus nicht mitmachen darf, ausser er zivilisiert sich, was natürlich jeder tun sollte. Jeder darf und soll nämlich bei der Demokratie mitmachen. Die radikaleren Demokraten beklagen sich darüber, dass noch nicht alle mitmachen können, bei der Verwaltung der Welt. Wir beklagen uns aber über diese ganze Demokratie und wissen, dass nur die unkontrollierte, individuelle Initiative und die freie Vereinigung und Spaltung uns davon befreien kann.

(Fortsetzung folgt)


 

Unruhenachrichten

Kollaboration heisst Verantwortung tragen

Wer mit einem Projekt der Unterdrückung kollaboriert, muss auch die Verantwortung dafür tragen. Ein Gedanke, der vielleicht auch dem Besitzer eines Autos der Firma „Eberhard“ durch den Kopf ging, das mit plattgestochenen Pneus und mit Farbe beschrieben in Zürich Wiedikon gesehen wurde. Wie jedem bekannt ist, der die Baustelle des künftigen Polizei- und Justizzentrums (PJZ) im Auge hat, kümmert sich Eberhard um den Abriss des alten Güterbahnhofs, der in diesen Tagen begann. Im nächsten Jahr wird dann mit dem Bau dieses neuen Gefängnissees und dieser modernen Polizeihochburg begonnen. Insofern alles störungsfrei verläuft…

Erster Mai

Am Abend des Tags der Arbeit wurden in Lugano auch die Arbeiter in Uniform gefeiert, zuerst, indem eine Gruppe von Jugendlichen auf sie Feuerwerkskörper auf Körperhöhe abfeuerte, dann, indem sie Steine und Verkehrsschilder auf sie warfen. Glückwunsch!

Von Melilla nach Zürich

Ein 6 Meter hoher, mit Stacheldraht, Kameras und bewaffneten Ordnungskräften abgesicherter, doppelter Zaun verläuft entlang der Grenze der Spanischen Enklaven Ceuta und Melilla bei Marokko, der einzigen Festlandgrenze zwischen Europa und Afrika. Seit März häufen sich die selbstorganisierten Massenanstürme von Migranten auf diesen Grenzzaun wieder, bei denen seit Jahren immer wieder dutzende wie Kaninchen niedergeschossen werden. Alleine im Mai wurde der Zaun zwei Mal von ungefähr 150 Personen in Ansturm genommen, in der Hoffnung, auf der anderen Seite ein etwas weniger erbärmliches Leben zu finden.

Eine Hoffnung, die nur allzu schnell enttäuscht werden wird, denn, wenn es nicht monatelange Haft und eine erneute Ausschaffung ist, die sie hier erwartet, so ist es dire Ausbeutung unter niedrigsten Bedingungen. Etwas, das gewiss auch jene 5 Immigranten festgestellt haben, die Mitte Mai im „Empfangszentrum“ von Bellinzona rebellierten, wo sie gefangen gehalten wurden. Wer alles zurückgelassen hat, hat oft nichts mehr zu verlieren, ausser die eigene Würde… aber diese verteidigen sie mit aller Entschlossenheit. Durch das Zerstören von Scheiben und aus dem Fenster Werfen von Mobiliar fügten sie diesem niederträchtigen Ort, in dem sie eingepfercht gehalten wurden, so viel Schaden zu, dass er gänzlich geschlossen werden musste. 4 Polizeipatrouillen waren nötig, um ihre Rebellion zu bändigen.

Um eben solche Migranten zu brechen, die ihre Würde zu verteidigen wissen und rebellieren, wird diesen Sommer in Zürich mit dem Bau eines Bundesverfahrenszentrums begonnen, eine riesige Haftanstalt für Migranten, mit 400-500 Plätzen und besonderen Bedingungen für die Aufsässigen unter ihnen. Das Duttweiler-Areal, wo dies gebaut werden soll, wurde Mitte Mai von einigen dutzend Personen für drei Tage besetzt, um gegen diesen Bau zu protestieren. Lasst uns dazu beitragen, dass es nicht bei dieser symbolischen Aktion bleibt; lasst uns unsere Solidarität mit der Rebellion der Migranten zeigen, indem wir diesem Bau, sowie der ganzen Migrationsverwaltung und Ausschaffungsmaschinerie, mit unserer Revolte und direkten Aktion Steine ins Getriebe werfen.

„Tanz dich Frei“

So lautete das Motto eines 10‘000 Teilnehmer grossen illegalen Festes, das durch die Strassen von Bern zog und zu 70 zerbrochenen Schaufensterscheiben, 20 verletzten Polizisten, Plünderungen und Konfrontationen mit den Ordnungskräften bis in die Morgenstunden führte. Nun, ein Motto, das offenbar nicht alle gleich interpretierten. Denn, wie kann man frei sein, neben einem Bullen, der das Recht hat, einen zu verhaften und einzusperren, wenn man sich nicht nach seinem Geschmack verhält? Wie kann man frei sein, in einer Stadt, in der Schaufensterscheiben einem vorenthalten, was andere im Überfluss haben, während man täglich seine Arbeitskraft ausbeuten lassen muss und sich trotzdem nichts leisten kann? Wie kann man frei sein, in einer Stadt, die mit ihren weissen Wänden, patrouillierenden Polizisten, Überwachungskameras und bürgerlichen Geschäftern und Menschen nichts als den Willen nach Kontrolle und Anpassung ausdrückt? „Tanz dich frei“ haben scheinbar an diesem Abend einige sehr treffend interpretiert. Denn, um frei zu sein, müssen wir angreiffen und zerstören, was diese Freiheit unterdrückt. Darum lasst uns tanzen, und tanzen… bis das alles verschwunden ist.

Mit dem Essen spielt man nicht

Aus einem Communiqué: « Die Firma Monsanto bekleidet eine Schlüsselposition im Aufkauf von Nahrungsmitteln und Samen. Ihre Aktionäre bereichern sich gleich neben uns, in aller Ruhe, dank der Arbeit ihrer treuen Angestellten, die daran arbeiten, unsere Welt auszuhungern und zu zerstören.

Am Montag, 15. April, eröffnete in Lausanne der internationale Gipfel des Rohstoffhandels. An diesem Tag, nachdem sie wieder einmal einen Tag damit verbrachten, mit dem Essen zu spielen, wurde den Angestellten der Monsanto Filiale in der Stadt Morges ihr Ausgang entzogen, indem die Pneus all ihrer Autos plattgestochen wurden. »

7 Tage Revolte

Wieder eine Wutexplosion. 7 Tage der Revolte. Nach den Banlieues von Frankreich, den Vierteln von Griechenland, den Ghettos von England, sind es nun die Vorstädte von Schweden, die infolge eines x-ten polizeilichen Mordes entflammten. Wie immer war es nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die jungen Wütenden steckten während mehr als einer Woche Autos in Brand und griffen, verstreut und in kleinen Gruppen, alles an, was sie in ihrem Alltag unterdrückt: Beamte, Patrouillen und Gebäude der Polizei, Schulen, Einkaufszentren, usw.

Die Revoltierenden sind vor allem Migranten, Arme, Bewohner der Blocksiedlungen am Rande der Stadt. Ohne Zukunft und ohne Illusionen, angewidert von der Welt, die sie umgibt, scheinen sie in der Zerstörung die einzige und, in der Tat, treffendste Sprache zu finden, um ihre Wut zu artikulieren. Entwurzelt und entfremdet, ist es vor allem eine Negation dieser Welt, die sich ausdrückt, einer Welt, die sie zu Ausgeschlossenen verdammt. Nun, die Tatsache, dass sich die revolutionäre Frage in den letzten Jahrzehnten aus dem sozialen Panorama zurückzog, bedeutet offensichtlich nicht, dass die Unterdrückung und die Wut, die sie provoziert, ebenfalls verschwinden. Ganz im Gegenteil. Und so können wir sicher sein, dass wir in Zukunft noch vielen solchen Wutexplosionen begegnen werden. Die Frage ist, wie sie darüber hinauswachsen und in Richtung einer tiefgreifenden sozialen Umwälzung gehen können. Und wie wir dazu beitragen können…


 

Zitate

« Es gab in meiner Natur schon immer eine grosse Schwäche: Die Liebe für das Fantastische, für die aussergewöhnlichen und unglaublichen Abenteuer, für die Unterfangen mit unbegrenzten Horizonten und deren Resultat niemand voraussehen kann. »
M. Bakunin

Kommentieren